Reflexion zur Gedenkdemo am 19.08.

Wir blicken zurück auf die Gedenkdemonstration am 19.08.2020. Mehr als 650 Menschen haben mit uns an unsere Geschwister gedacht. Auf unserem Weg, von Huckelriede über die Neustadt zum Marktplatz, haben uns unterschiedliche politische Gruppen und Aktivist*innen auf dem Lautsprecherwagen begleitet. Viele Menschen haben sich spontan der Gedenkveranstaltung angeschlossen. Uns war es wichtig, eine Gedenkveranstaltung von Migras für Migras zu machen. Dies bedachten wir sowohl in der Route, als auch in den Redebeiträgen.
Es sprachen marginalisierte Menschen aus unterschiedlichen Communities, die diese Plattform nutzten, um ihre Forderungen und die der „Initiative 19. Februar Hanau“ auf die Straße zu tragen. Die überwältigende Mehrheit unserer Geschwister und Allies meldeten uns eine starke Gedenkveranstaltung, die sie und auch uns in unserem andauernden Kampf gegen Rassismus unterstützen, zurück.

Im Folgenden nehmen wir nun Stellung zu den Ereignissen um die Demo am 19.08., sechs Monate nach Hanau.

Diskursverschiebung

Wir empfinden es als absurd, dass keinen Tag nach der Gedenkveranstaltung die Namen unserer Geschwister, die durch einen rassistischen Mörder und ein rassistisches System ihr Leben verloren, nun von den verletzten Gefühlen einer Politikerin und einer ‚linken‘ Partei die nicht imstande ist, den Rassismus innerhalb ihrer Strukturen anzuerkennen, überschattet werden.
Wir hatten keine Zeit zum trauern, weil wir uns noch auf der Demo mit dem 1×1 der Diskursverschiebung konfrontiert sahen. Nun folgt unsere kritsche Auseinandersetzung.
Beteiligt: Einzelpersonen; Migrantifa Bremen ; Rednerin (Roxanna-Lorraine Witt) ; Ko-Fraktionsvorsitzende der PdL (Sofia Leonidakis); die Partei die Linke Bremen

In den vergangenen Tagen wurden Aktivist*innen von Migrantifa Bremen, durch das soziale Umfeld der Ko-Fraktionsvorsitzenden der Linken in der Bremer Bürgerschaft bedrängt, individuell Stellung zu einer in einem Redebeitrag geäußerten Kritik zu beziehen.
Eine legitime kritische Auseinandersetzung, die durch eine von uns eingeladene Rednerin hervorgebracht wurde – und hinter der wir 100 % stehen. Unser Wunsch erstmal als Migrantifa Bremen in den Reflexionsprozess zu gehen, bevor wir stellvertretend an Positionen festgemacht werden, wurde nicht nur mehrfach übergangen, sondern uns negativ ausgelegt.
Inhalt dieser nun von unterschiedlichen Akteur*innen skandalisierten Rede, war eine selbstkritische Betrachtung, der eigenen rassistischen Muster, aller auf der Demo anwesenden Menschen – insbesondere der PdL – die seit 2019 in einer Regierungskoalition mit der SPD und den Grünen ist.

Zusammenfassung – Hintergrund dieser Kritik

Hintergrund dieser Kritik war eine vorangegangene Vereinnahmung der Gedenkdemonstration, durch einen Tweet der Linksfraktion Bremen. Die Partei, die versuchte, die Gedenkveranstaltung für parteipolitische Interessen zu vereinnahmen, sie zu instrumentalisieren und unsere Arbeit als autonome antifaschistische migrantische Gruppe, unsichtbar zu machen.
Wir wiesen die Partei auch darauf hin, dass wir den Opfern der rassistischen Morde von Hanau fernab von parteipolitischer Vereinnahmung gedenken wollen denn diese erachten wir angesichts der Komplizenschaft von Regierungsparteien, was die Fortführung von strukturellem Rassismus angeht, als opportunistisch und respektlos. Wir lassen uns nicht zum Werkzeug der Bremer Linkspartei machen, die es in den letzten Jahren nicht versäumt hat, antifaschistische Arbeit zu vereinnahmen.
Der Tweet hierzu wurde nach Kritik unsererseits wieder gelöscht. Ein dann neuverfasster Tweet, war aber auch nicht besser – bis zu diesem Zeitpunkt steht eine direkte persönliche Entschuldigung an Migrantifa Bremen aus.
Seitens der Partei und der Ko-Fraktionsvorsitzenden war eine Woche vorher bekannt, dass sechs Monate nach Hanau eine Gedenkveranstaltung von uns organisiert wird. Es war auch bekannt, dass es eine Supporter*innen Gruppe gibt. Einige Tage vor der Gedenkveranstaltung ging die besagte Politikerin in die Gruppe. Ohne Unterstützung zu leisten, verließ sie diese kurze Zeit später. Wenn der Linken Bremen etwas an dieser Gedenkveranstaltung gelegen hätte, hätten sie dies in Form von Ressourcen zeigen können.

Forderung des Silencing einer Sintezza Aktivistin auf einer Hanau Gedenkveranstaltung

Es wurde von uns erwartet und so kommuniziert, der einzigen Sintezza unter den Redner:innen und wahrscheinlich auch auf der Demo, die Bühne zu nehmen, ihr das Mikro wegzunehmen weil sie es gewagt hat, die Fehler einer Regierungspartei sichtbar zu machen. Uns wird vorgeworfen, sie nicht gesilenced zu haben, sondern wie der Großteil der Demonstration selbstkritisch und anerkennend zugehört zu haben.
Es wird der Rednerin vorgeworfen eine Woman of Color, während der Demo namentlich aufgerufen und damit öffentlich vorgeführt zu haben. Wir als Migrantifa Bremen haben zu diesem Zeitpunkt den starken Worten der Rednerin zugehört.

Täter-Opfer-Umkehr

Der namentliche Aufruf wirkt, auf den ersten Blick vielleicht, wie eine unvertretbare Praxis, wenn eins sich nicht bewusst ist, dass es sich bei dieser Person um eine Spitzenpolitikerin der Bremer Linken handelt, mit deren Porträt und Zitat zu eben dieser Demo von der Linksfraktion Bremen, aufgerufen wurde. Sie wurde wortwörtlich in ihrer Funktion als Mitglied des Landesvorstands (sic!), nach vorne gebeten und das nicht als einzige Person. Auch spätere Tweets der Linksfraktion Bremen zur Demo zeigen sie war in ihrer Rolle als Politikerin vor Ort und ließ sich als solche mit Parteigenoss:innen, ablichten. Ferner wollen wir nochmals unterstreichen, dass die Linke in Bremen, eine Regierungspartei ist. Auch die fragwürdige Reduktion auf ‚Woman of Color‘ wird der Thematik nicht ansatzweise gerecht. Es verschleiert die Machtposition einer Politikerin und die damit einhergehenden Privilegien.
Diese Kritik war stets an ihre parteipolitische Funktion gerichtet – zu keinem Zeitpunkt auf einer persönlichen Ebene.
Falls dieser Eindruck entstanden ist, dann ist es vor allem zurückzuführen auf die engen persönlichen Verknüpfungen zwischen parlamentarischer und nicht-parlamentarischer Linke und der dadurch selbst geschaffenen Verwirrungen. Sie machen es möglich, dass Berufspolitiker*innen bei linken Gruppen um Solidaritätsbekundungen bitten können, dass Freundschaften ausgebeutet werden, Machtpositionen ausgenutzt und Aktivist:innen, die vermummt auf Demos unterwegs sind, mit parteipolitischen Konsequenzen gedroht wird.
Die Formulierung setzt bewusst auf eine Täter-Opfer-Umkehr, bei der eine ohnehin schon marginalisierte Frau einer unbekannten Masse zum Opfer fällt. Doch wer sind die Kritisierenden? Wer ist die Gruppe Migrantifa Bremen?

Wir sind Schwarz, ezidisch, queer, kurdisch, alevitisch, taiwanesisch, ägyptisch, koptisch, serbisch, kosovarisch, Rom*nja, türkisch. Und wir sind vor allem eine Familie.

Die Dethematisierung unserer Positionierungen kommt aufgrund der Formulierung „Gegen eine Woman of Color schiessen“ wie es nun dargestellt wird, einer weiteren Unsichtbarmachung gleich.
Dies sind gern genutzte Werkzeuge wenn migrantisierte politisch Aktive, an den bestehenden Verhältnissen Kritik äußern – wir werden gern von euch als Fotokulisse genutzt und sollen die Basis ,bunter‘ machen doch wenn wir uns kritisch euch gegenüber positionieren, verennt ihr euch in eigener Betroffenheit und Solidarität wird für euch nur noch eine leere Hülse – ein „Wir“ wird ein „Ihr“

Tone Policing

Noch während der Demonstration wurden einzelne Genoss*innen von uns und die Rednerin von besagter Person und ihren Freund*innen belagert – wir wurden gefragt, wie wir bei der Kritik an der Linken auch noch klatschen können und warum wir es zugelassen haben, dass diese Kritik geäußert wurde. Dass Rassismus innerhalb der Partei die Linke, Gatekeeping und die Unfähigkeit der Selbstreflexion der Linken, ein erheblicher Grund für den Beifall bei der geäußerten Kritik waren kam ihnen anscheinend nicht in den Sinn.
Wir akzeptieren kein Tone policing, Kritik muss nicht leise und freundlich hervorgebracht werden, um als legitim anerkannt zu werden.

Ausblick

Die Herangehensweise des Versuches uns zu Diskreditieren macht es uns unmöglich jeglicher Kritik konstruktiv entgegenzutreten. Der Raum, den wir geschaffen haben – für unsere Geschwister – wird überschattet von parteipolitischen Interessen der Fraktionsvorsitzenden der Linken und Meinungsmache einzelner Personen, die in einem engen freundschaftlichen Verhältnis, zur Fraktionsvorsitzenden stehen.
Es geht und ging bei dieser Kritik für uns, stets um die politische Position dieser Person, stellvertretend für die Partei und das Mandat. Wer sich selbst als „Rassismusbekämpferin“ bezeichnet, sollte eine selbstkritische Haltung nicht missen und darf den Kampf gegen Rassismus innerhalb der eigenen Partei nicht dogmatischer Loyalität, unterordnen.

Wir sind nicht hier, um sophistische Rhetorik zu reproduzieren. Wir sind hier, um unsere Geschichte und Erzählungen zu dekolonisieren. Wir sind die Antwort auf euren Rassismus, den ihr nicht anerkennen wollt. Wir sind die Antwort auf eure rassistischen Strukturen. Wir waren schon immer da, antifaschistisch und rassismuskritisch.
Aber wir sind mehr als unsere Diskriminierungserfahrungen. Viel – überall – und vor allem sind wir da. Schon immer gewesen. Schon immer gebraucht.

Migrantifa heißt Selbstschutz, solidarisch und selbstbestimmt kämpfen!

Migrantifa Bremen

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