Wie könnt ihr es wagen! Flugblatt zum Klimastreik


Grimmig und den Tränen nahe las Greta Thunberg den UN-Politfunktionären die Leviten: Seit über 30 Jahren sind die Klimafolgen der einschlägigen Emissionen bekannt, und so gut wie nichts wurde dagegen unternommen. Also appellierte Fridays for Future an die Politiker, endlich aktiv zu werden. Das taten die auch und zeigten mit dem jüngsten Klimapaket, dass ihnen die Klimakatastrophe, gelinde gesagt, am Arsch vorbeigeht. Wie reagiert die Bewegung auf diese kackdreiste Abfuhr? Mit verstärkten Appellen an eben diese Politiker. Deprimierende Zwischenbilanz: Der Herr zeigt ein ums andere Mal, dass ihm die Anliegen seines Sklaven schnurzegal sind, doch der Sklave bettelt unverdrossen um bessere Behandlung. Wie könnt ihr es wagen — so Greta Thunberg. Ja, wie könnt ihr es wagen, eurer eigenen Erkenntnis, dass die Politfunktionäre den Kopf in den Sand stecken, so wenig Bedeutung beizumessen? Kaum habt ihr euch diese Erkenntnis durch einen Blick in die Vergangenheit hart genug erarbeitet, da lasst ihr sie auch schon wieder fahren und verschreibt euch der leeren Hofferei, die offenkundig Unbelehrbaren würden sich durch inständiges Bitten und Herumsitzen auf öffentlichen Plätzen schon zum Guten bekehren lassen. Kein Wunder, dass einige eurer Sprecher kaum mehr in euch sehen als ein Sprungbrett ins grünparteiliche Funktionärstum. Hört ihr nicht, wie sie sich insgeheim über euch lustig machen? Macht es euch nicht stutzig, dass sie im krassen Gegensatz zu Gretas grimmigem Blick schon jetzt so siegesgewiss in die Kameras grinsen wie die dämlichen Visagen auf den Wahlplakaten? Oder meint ihr es am Ende gar nicht so ernst, wie ihr immer tut und wie es der Fahrt aufnehmenden Klimakatastrophe angemessen wäre?

Ein Beispiel: Auf eurer Webseite zeigt ihr mit dem Finger auf die drei Bremer Kohlekraftwerke, erwähnt aber mit keinem Wort den irren Energie- und Ressourcenbedarf von Smartphone, Video-Streaming & Co. Hört da bei euch etwa der Spaß auf, so wie für die SUV-Idioten der Spaß beim Auto aufhört? Kritik ohne Selbstkritik dient allein der Selbstentlastung. So ist man fein raus und schneidert sich das gute Gewissen, das man bei anderen gern als Verantwortungslosigkeit brandmarkt. Schon heute liegt der Anteil der IT-Industrie samt Internet am globalen Energieverbrauch bei 7-8%, so hoch wie der des Flugverkehrs. Ihr werft euren Eltern und Großeltern vor, dass sie in den letzten 30 Jahren nichts gegen den steigenden Energieverbrauch unternommen haben, doch für den sprunghaft ansteigenden Stromverzehr von Netflix und Konsorten ist gerade auch eure Generation verantwortlich. Das zeigt: Es führt zu nichts, wenn die Generationen aufeinander losgehen; es vernebelt die tatsächlichen Verhältnisse und ist ganz im Sinn des politischen Personals, das die Generationen schon bei den Renten aufeinander gehetzt hat, leider mit großem Erfolg. Stellen wir lieber die alte Kinderfrage nach dem Warum. Warum tun die Politiker nicht, was nötig wäre? Weil sie, die so gerne den großen Zampano spielen, dazu schlicht und ergreifend nicht die Macht besitzen. Weil jede Entscheidung durchs Nadelöhr der Gewinnrechung der sogenannten \“Wirtschaft\“ hindurch muss. Was da nicht durchpasst, landet im Papierkorb. Das ist das Einmaleins der Marktwirtschaft, auch der angeblich sozialen. Und deshalb stellt sich jede Maßnahme zum Umwelt- oder Klimaschutz bei genauerem Hinsehen als nichts als Wirtschaftsförderung heraus. Dass sie fürs Klima gut sei, ist nur die Reklameseite der Sache, pures Werbergeschwätz. Doch an der Marktwirtschaft, die recht verstanden endlose Kapitalakkumulation ist, will offenbar auch die Klimaschutzbewegung nicht rütteln, wohl aus Angst, man werde sie in die Ecke der DDR-Nostalgiker stellen. Jahrzehntelange Propaganda durch Schule und Medien hat dafür gesorgt, dass \“Marktwirtschaft\“ zum unüberschreitbaren Horizont noch der kritischsten Kritik sich verfestigte. Befreit euch von diesem dreisten Denkverbot! Lest, was angeblich überholt ist und doch die einzige vernünftige Kritik an den gesellschaftlichen Verhältnissen bietet, die aufgrund ihrer durch kein Bedürfnis beschränkten end- und ziellosen Produktion um der Produktion willen nicht nur das Klima ruiniert. Lest Marx, Freud, Adorno!

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