Soziale Ansteckung

Wir teilen im Folgenden einen Artikel von chunangcn.org. Der Artikel ist eine Analyse des Coronavirus in den Kontext globaler Expansion kapitalistischer und autoritärer Verhältnisse von Produktion, Wohnen, wie der Ausbeutung von Mensch und nichtmenschlicher Natur. Insbesondere wird darauf hingewiesen, dass ein Virus keine „zufällige Erscheinung“ ist, die vom Bestehenden, und insbesondere der oftmals falschen, und immer autoritären Gegenstrategien des Staates, getrennt betrachtet werden kann. Wir hoffen, dass der Artikel alle Radikalen dazu veranlassen mag die Reaktion des Staates, nicht mit der tatsächlichen Notwendigkeit der Bekämpfung einer Krankheit zu verwechseln – dies sind zwei getrennte Sachen und wir Stimmen den Gefährt*innen aus Italien zu, deren Artikel wir vor zwei Tagen veröffentlicht haben, dass es sich lohnen kann, in Zeiten der (Gesundheits-)Krise einen verstärkten Blick auf die Schwächen der Staatsmaschine zu haben:

„Dies sind wichtige Lehren für eine Ära, in der sich die Zerstörung durch die unendliche Akkumulation sowohl nach oben in das globale Klimasystem als auch nach unten in die mikrobiologischen Substrate des Lebens auf der Erde ausgeweitet hat. Solche Krisen werden nur noch häufiger auftreten. Da die säkulare Krise des Kapitalismus einen scheinbar nicht-ökonomischen Charakter annimmt, werden neue Epidemien, Hungersnöte, Überschwemmungen und andere „natürliche“ Katastrophen als Rechtfertigung für die Ausweitung der staatlichen Kontrolle genutzt werden, und die Reaktion auf diese Krisen wird zunehmend als Gelegenheit dienen, neue und ungeprüfte Instrumente zur Aufstandsbekämpfung einzusetzen. […] Auf theoretischer Ebene bedeutet dies, zu verstehen, dass die Kritik am Kapitalismus verarmt, wenn sie von der Kritik an den “harten Wissenschaften“ abgetrennt wird. Aber auf praktischer Ebene bedeutet es auch, dass das einzig mögliche politischer Projekt heute ein Projekt ist, dass sich in einem von einer weit verbreiteten ökologischen und mikrobiologischen Katastrophe definierten Terrain orientieren und in diesem fortwährenden Zustand der Krise und Atomisierung operieren kann.“

Bleibt zu sagen, dass der Artikel bitte mit einer gewissen kritischen Distanz zu lesen ist, wir teilen die Analyse zwar an vielen Punkten, jedoch artet der Duktus dieser marxistischen Intellektuellen bisweilen in eine doch etwas unglaubwürdige Fixierung auf die rein ökonomisch Bedingten Ursachen von, naja, eigentlich allem, aus. Darüber hinaus halten wir es für fahrlässig von der Totalisierung des Kapitalismus zu sprechen, ohne zu erwähnen das es überall in der menschlichen und nichtmenschlichen Welt Widerstand gegen diese Totalisierung gibt. In Ermangelung einer Alternative möchten wir euch trotzdem ans Herz legen diesen Text zu lesen. Verhältnisse der generalisierten Einsperrung und der Ausgangssperren wie in China mögen noch weit weg erscheinen, doch in Italien werden schon die Schulen geschlossen und die Menschen angehalten „Distanz von mindestens einem Meter zu halten, auf Umarmungen und Küsschen zu verzichten“. Auch wenn es in Bremen, zu diesem Zeitpunkt, erst 3 bekannte Fälle gibt, und das Gesundheitsministerium die ganze Aufregung „für übertrieben“ hält, werden auch hier Leute quarantänisiert und die allgemeine Aufregung aktiviert auch vorhandene rassistische Reflexe der Bevölkerung.

Trotzdem eröffnet jede Krise auch den Blick auf etwas neues:

„Viele Zivilisationen sind durch Krankheiten zerstört worden. Je komplexer eine Zivilisation ist, die Disziplin erfordert um zu überleben, desto zerbrechlicher ist sie. Während die Armee und die Polizei die Kranken bewachen, liegen die Nervenbahnen offen da. Diese Gesellschaft zu blockieren, ihre Nachschublinien zu unterbrechen, ist eine sehr verständliche und wünschenswerte Geste: Angesichts des Abgrunds der ökologischen Katastrophe und der täglichen Vernichtung bleibt die Möglichkeit einen Weg zu finden unseren Begehren schließlich Ausdruck zu verleihen. Und unsere gesellschaftliche Rolle zu blockieren, gegen all das nichts tun zu können.“

In diesem Sinne, in Zeiten der sozialen Ansteckung gilt wie eh und je: Tragt Handschuhe und Masken, passt auf euch auf und bleibt gesund! Viel Spaß beim lesen:

Der Ofen
Wuhan ist umgangssprachlich als einer der „vier Öfen“ (四大火炉) Chinas bekannt, weil es einen drückend heißen, feuchten Sommer hat, den es mit Chongqing, Nanjing und abwechselnd mit Nanchang oder Changsha teilt, alles geschäftige Städte mit langer Geschichte entlang oder in der Nähe des Jangtse-Flusstals. Von den vier Städten ist Wuhan jedoch auch mit buchstäblichen Öfen übersät: Dieser massive urbane Komplex fungiert als eine Art Keimzelle für die Stahl-, Beton- und sonstigen Bauindustrien Chinas, seine Landschaft ist übersät mit den langsam abkühlenden Hochöfen der übrig gebliebenen staatlichen Eisen- und Stahlgießereien, die nun von Überproduktion geplagt und in eine neue, umstrittene Runde der Verkleinerung, Privatisierung und allgemeinen Umstrukturierung gezwungen wurden – was in den letzten fünf Jahren zu mehreren großen Streiks und Protesten führte. Die Stadt ist im Wesentlichen die Bauhauptstadt Chinas, was bedeutet, dass sie in der Zeit nach der Weltwirtschaftskrise eine besonders wichtige Rolle gespielt hat, da dies die Jahre waren, in denen das chinesische Wachstum durch die Kanalisierung von Investitionsmitteln in Infrastruktur- und Immobilienprojekte angekurbelt wurde. Wuhan nährte diese Blase nicht nur mit seinem Überangebot an Baumaterialien und Bauingenieuren, sondern wurde dadurch auch zu einer eigenen Immobilien-Boomtown. Nach unseren eigenen Berechnungen entsprach 2018-2019 die Gesamtfläche für Baustellen in Wuhan der Größe der gesamten Insel Hongkong.

Doch nun scheint dieser Ofen, der die chinesische Wirtschaft nach der Krise antreibt, ähnlich wie die in den Eisen- und Stahlgießereien des Landes, abzukühlen. Obwohl dieser Prozess bereits in vollem Gange war, ist dies jetzt nicht mehr nur eine ökonomische Metapher, denn die einst geschäftige Stadt ist seit über einem Monat abgeriegelt, ihre Straßen sind durch ein Regierungsmandat leergefegt: „Der größte Beitrag, den sie leisten können, ist: Versammeln sie sich nicht, verursachen sie kein Chaos“, lautete eine Schlagzeile in der Guangming Daily, die von der Propagandaabteilung der Kommunistischen Partei Chinas [KPC] herausgegeben wird. Heute sind die breiten neuen Alleen von Wuhan und die glitzernden Stahl- und Glasgebäude, die sie krönen, alle kalt und hohl, während der Winter im Laufe des chinesischen Neujahrs dahinschwindet und die Stadt unter der Enge der weitreichenden Quarantäne stagniert. Sich selbst zu isolieren ist ein guter Ratschlag für jeden in China, wo der Ausbruch des neuartigen Coronavirus (kürzlich in „SARS-CoV-2“ und seine Krankheit „COVID-19“ umbenannt) mehr als zweitausend Menschen getötet hat – mehr als bei seinem Vorgänger, die SARS-Epidemie von 2003. Das ganze Land ist wie während der SARS-Epidemie abgeriegelt. Die Schulen sind geschlossen und die Menschen sind landesweit in ihren Häusern eingesperrt. Beinahe jede ökonomische Aktivitäten wurden wegen des Feiertags zum chinesischen Neujahr am 25. Januar eingestellt, diese Pause aber wurde um einen Monat verlängert um die Ausbreitung der Epidemie einzudämmen. Die Öfen Chinas scheinen nicht mehr zu brennen oder zumindest auf sanft glühende Kohlen reduziert zu sein. In gewisser Weise ist die Stadt jedoch zu einer anderen Art Ofen geworden, da das Coronavirus sich wie ein Fieber durch die riesige Bevölkerung brennt.

Alles mögliche wurde fälschlicherweise für den Ausbruch verantwortlich gemacht, angefangen bei der konspirativen und/oder versehentlichen Freisetzung eines Virusstamms des Wuhan Institute of Virology – eine zweifelhafte Behauptung, die über soziale Medien verbreitet wird, insbesondere über paranoide Facebook-Posts aus Hongkong und Taiwan, aber jetzt durch konservative Presse und militärische Interessen im Westen – bis zu der Neigung der Chinesen, „schmutzige“ oder „seltsame“ Arten von Lebensmitteln zu konsumieren, da der Virusausbruch entweder mit Fledermäusen oder Schlangen in Verbindung gebracht wird, die auf einem halb-illegalen „Wet Markets“ verkauft werden, die Wild und andere seltene Tiere spezialisiert sind (obwohl dies letztendliche gar nicht die Quelle des Virus war). Beide Hauptthemen zeigen die offensichtliche Kriegstreiberei und den Orientalismus, die der Berichterstattung über China gemein sind, eine grundlegende Tatsache auf die eine Reihe von Artikeln hingewiesen hat. Aber selbst diese Antworten konzentrieren sich in der Regel nur auf die Frage, wie das Virus im kulturellen Bereich wahrgenommen wird, und verbringen weitaus weniger Zeit damit, in der viel brutaleren Dynamik zu suchen, die sich hinter dem Medienrummel verbirgt.

Eine etwas komplexere Variante der Berichterstattung versteht zumindest die wirtschaftlichen Folgen, auch wenn sie die möglichen politischen Auswirkungen in Hinblick auf die rhetorische Wirkung überbewertet. Hier finden wir die üblichen Verdächtigen, die von den üblichen Drachen tötenden Warhawk-Politiker*innen bis hin zu den verschütteten Perlen des haute-liberalisme reichen: Presseagenturen von der National Review bis zur New York Times haben bereits angedeutet, dass der Ausbruch eine „Legitimationskrise“ für die KPC nach sich ziehen könnte, obwohl kaum ein Hauch eines Aufstands in der Luft liegt. Aber der Kern der Wahrheit dieser Vorhersagen liegt in ihrem Verständnis der wirtschaftlichen Dimensionen der Quarantäne – etwas, das Journalisten mit Aktienportfolios, die dicker als ihr Schädel sind, kaum verloren gehen könnte. Denn Tatsache ist, dass die Menschen trotz des Aufrufs der Regierung, sich zu isolieren, bald gezwungen sein könnten, sich zu „versammeln“, um sich um die Bedürfnisse der Produktion zu kümmern. Nach den jüngsten ersten Schätzungen wird die Epidemie bereits in diesem Jahr zu einer Verlangsamung des chinesischen Wirtschaftswachstums auf 5 Prozent führen, was unter der bereits nachlassenden Wachstumsrate von 6 Prozent im vergangenen Jahr liegt, der niedrigsten seit drei Jahrzehnten. Einige Analysten haben gesagt, dass das Wachstum im ersten Quartal um 4 Prozent oder weniger sinken könnte, und dass dies eine Art globale Rezession auslösen könnte. Eine bisher unvorstellbare Frage wurde gestellt: Was passiert eigentlich mit der Weltwirtschaft, wenn der chinesische Ofen zu erkalten beginnt?

Innerhalb Chinas selbst ist der endgültige Verlauf dieses Ereignisses schwer vorherzusagen, aber der Moment hat bereits einen seltenen, kollektiven Prozess des Hinterfragens und Lernens über die Gesellschaft ausgelöst. Die Epidemie hat fast 80.000 Menschen direkt infiziert (nach konservativsten Schätzungen), aber sie hat 1,4 Milliarden Menschen im kapitalistischen Alltag einen Schock versetzt, gefangen in einem Moment prekärer Selbstreflexion. Dieser Moment, der zwar voller Angst ist, hat alle gleichzeitig dazu veranlasst, einige tiefe Fragen zu stellen: Was wird mit mir geschehen? Meinen Kindern, meiner Familie und meinen Freund*innen? Werden wir genug Nahrung haben? Werde ich bezahlt werden? Werde ich Miete zahlen? Wer ist für all dies verantwortlich? Auf seltsame Weise gleicht die subjektive Erfahrung in gewisser Weise der eines Massenstreiks, die aber in ihrem nicht-spontanen, von oben nach unten gerichteten Charakter und vor allem in ihrer unfreiwilligen Hyperatomisierung die grundsätzlichen Rätsel unserer eigenen erdrosselten politischen Gegenwart so deutlich illustriert, wie die echten Massenstreiks des vorigen Jahrhunderts die Widersprüche ihrer Epoche verdeutlicht haben. Die Quarantäne ist also wie ein Streik, der zwar seine sozialen Merkmale aushöhlt, aber dennoch in der Lage ist, sowohl die Psyche als auch die Wirtschaft tief zu erschüttern. Schon diese Tatsache allein macht eine Reflexion wichtig.

Natürlich sind Spekulationen über den bevorstehenden Untergang der KPC ein vorhersehbarer Unsinn, eine der Lieblingsbeschäftigungen von The New Yorker und The Economist. Inzwischen sind die normalen Medienunterdrückungsprotokolle im Gange, in denen in offen rassistischen Beiträgen die in den Massenmedien veröffentlicht werden, ein Schwarm von Web-Plattform-Kurzartikeln entgegengesetzt wird, die gegen den Orientalismus und andere Facetten der Ideologie polemisieren. Aber fast die gesamte Diskussion bleibt auf der Ebene der Beschreibung – oder, bestenfalls, der Eindämmungspolitik und der wirtschaftlichen Folgen der Epidemie – ohne sich mit der Frage zu befassen, wie solche Krankheiten überhaupt erst entstehen, geschweige denn verbreitet werden. Doch selbst das reicht nicht ganz aus. Jetzt ist nicht die Zeit für eine einfache „Scooby-Doo-Marxismus“-Übung, dem Bösewicht die Maske abzuziehen, um zu enthüllen, dass es in der Tat der Kapitalismus war, der das Coronavirus die ganze Zeit verursacht hat! Das wäre auch nicht subtiler als die ausländischen Kommentator*innen, die nach den Möglichkeiten eines Regimewechsels herumschnüffeln. Natürlich ist der Kapitalismus schuld – aber wie genau verknüpften sich die sozio-ökonomische und die biologischen Späre, und welche tieferen Lehren lassen sich aus der gesamten Erfahrung ziehen?

In diesem Sinne bietet der Ausbruch zwei Gelegenheiten zum Nachdenken: Erstens ist er eine lehrreiche Eröffnung, in der wir wesentliche Fragen darüber überprüfen können, wie die kapitalistische Produktion mit der nichtmenschlichen Welt auf einer grundlegenderen Ebene zusammenhängt – wie, kurz gesagt, die „natürliche Welt“, einschließlich ihrer mikrobiologischen Substrate, nicht ohne Bezugnahme darauf verstanden werden kann, wie die Gesellschaft die Produktion organisiert wird (weil diese beiden Bereiche in der Tat nicht getrennt sind). Gleichzeitig ist dies eine Erinnerung daran, dass der einzige Kommunismus, der diesen Namen verdient, ein Kommunismus ist, der das Potential eines voll politisierten Naturalismus beinhaltet. Zweitens können wir diesen Moment der Isolation auch für unsere eigene Art der Reflexion über den gegenwärtigen Zustand der chinesischen Gesellschaft nutzen. Manche Dinge werden erst dann klar, wenn alles unerwartet zum Stillstand kommt, und eine solche Verlangsamung kann nicht anders, als bisher verdeckte Spannungen sichtbar zu machen. Im Folgenden gehen wir diesen beiden Fragen nach und zeigen nicht nur, wie die kapitalistische Akkumulation solche Plagen hervorbringt, sondern auch, dass der Moment der Pandemie selbst ein widersprüchlicher Fall politischer Krise ist, der den Menschen die unsichtbaren Potenziale und Abhängigkeiten der Welt um sie herum sichtbar macht und gleichzeitig eine weitere Entschuldigung für die Ausweitung der Kontrollsysteme noch weiter in den Alltag hinein bietet.

Die Produktion von Seuchen
Das Virus, das hinter der gegenwärtigen Epidemie (SARS-CoV-2) steht, ist, wie sein Vorgänger SARS-CoV aus dem Jahr 2003 und wie auch die Vogel- und Schweinegrippe vor ihm, an der Schnittstelle von Wirtschaft und Epidemiologie entstanden. Es ist kein Zufall, dass so viele dieser Viren die Namen von Tieren angenommen haben: Die Ausbreitung neuer Krankheiten auf die menschliche Bevölkerung ist fast immer das Ergebnis einer so genannten zoonotischen Übertragung, was technisch gesehen bedeutet, dass solche Infektionen vom Tier auf den Menschen überspringen. Dieser Sprung von einer Spezies zur anderen wird durch Dinge wie Nähe und die Regelmäßigkeit des Kontakts bedingt, die alle die Umgebung konstruieren, in der sich die Krankheit gezwungenermaßen entwickelt. Wenn sich diese Schnittstelle zwischen Mensch und Tier verändert, verändert sie auch die Bedingungen, unter denen sich solche Krankheiten entwickeln. Unter den vier Öfen liegt also ein fundamentaler Ofen, der die industriellen Zentren der Welt untermauert: der evolutionäre Schnellkochtopf der kapitalistischen Landwirtschaft und Urbanisierung. Er bietet das ideale Medium, durch das immer verheerendere Plagen geboren, umgewandelt, zu zoonotischen Sprüngen veranlasst und dann aggressiv durch die menschliche Bevölkerung getrieben werden. Hinzu kommen ähnlich intensive Prozesse, die am Rande der Wirtschaft ablaufen, wo „wilde“ Stämme von Menschen angetroffen werden, die zu immer extensiveren agroökonomischen Eingriffen in lokale Ökosysteme gedrängt werden. Das jüngste Coronavirus repräsentiert in seinem „wilden“ Ursprung und seiner plötzlichen Ausbreitung durch einen stark industrialisierten und verstädterten Kern der Weltwirtschaft beide Dimensionen unserer neuen Ära politisch-wirtschaftlicher Plagen.

Die Grundidee wird hier am gründlichsten von linken Biolog*innen wie Robert G. Wallace entwickelt, der in seinem 2016 erschienenen Buch Big Farms Make Big Flu die Verbindung zwischen dem kapitalistischen Agrarbusiness und der Genese der jüngsten Epidemien von SARS bis Ebola erschöpfend darlegt.[i] Diese Epidemien lassen sich lose in zwei Kategorien einteilen, wobei die erste im Kern der agroökonomischen Produktion und die zweite in ihrem Hinterland entsteht. Bei der Verfolgung der Ausbreitung von H5N1, auch als Vogelgrippe bekannt, fasst er mehrere geographische Schlüsselfaktoren für jene Epidemien zusammen, die ihren Ursprung im Zentrum der Produktion haben:

Die ländlichen Landschaften vieler der ärmsten Länder sind heute durch unregulierte Agrarwirtschaft gekennzeichnet, die gegen die Slums der Ballungsräume gedrückt wird. Die unkontrollierte Übertragung in gefährdeten Gebieten erhöht die genetische Variation, mit der H5N1 menschenspezifische Merkmale entwickeln kann. Durch die Ausbreitung über drei Kontinente hinweg kommt das sich schnell entwickelnde H5N1 auch mit einer zunehmenden Vielfalt an sozioökologischen Umgebungen in Kontakt, einschließlich lokal-spezifischer Kombinationen von vorherrschenden Wirtarten, Methoden der Geflügelzucht und Maßnahmen zur Tiergesundheit.[ii]

Diese Ausbreitung wird natürlich durch die globalen Warenkreisläufe und die regelmäßigen Arbeitsmigrationen angetrieben, die die kapitalistische Wirtschaftsgeografie definieren. Das Ergebnis ist „eine Art eskalierende demografische Selektion“, durch die das Virus in kürzerer Zeit mit einer größeren Anzahl von Entwicklungspfaden konfrontiert wird, so dass die fittesten Varianten die anderen übertreffen können.

Aber dies ist ein einfacher Punkt, der in der Mainstream-Presse bereits weit verbreitet ist: die Tatsache, dass die „Globalisierung“ die schnellere Verbreitung solcher Krankheiten ermöglicht – wenn auch mit einer wichtigen Ergänzung, die darauf hinweist, dass genau dieser Prozess der Zirkulation auch das Virus zu einer schnelleren Mutation anregt. Die eigentliche Frage kommt jedoch schon früher: Bevor die Zirkulation die Widerstandsfähigkeit solcher Krankheiten erhöht, hilft die grundlegende Logik des Kapitals, zuvor isolierte oder harmlose Virusstämme zu nehmen und sie in ein hyper-kompetitives Umfeld zu bringen, das die spezifischen Merkmale begünstigt, die Epidemien verursachen, wie z.B. schnelle virale Lebenszyklen, die Fähigkeit zum zoonotischen Sprüngen zwischen den Trägerarten und die Fähigkeit, schnell neue Übertragungsvektoren zu entwickeln. Diese Stämme zeichnen sich gerade durch ihre Virulenz aus. In absoluten Zahlen scheint die Entwicklung virulenterer Stämme den gegenteiligen Effekt zu haben, da die frühere Tötung des Wirts weniger Zeit für die Ausbreitung des Virus bietet. Die Erkältung ist ein gutes Beispiel für dieses Prinzip, das im Allgemeinen eine geringe Intensität beibehält, die die Verbreitung des Virus in der Bevölkerung erleichtert. In bestimmten Umgebungen macht jedoch die umgekehrte Logik viel mehr Sinn: Wenn ein Virus zahlreiche Wirte derselben Spezies in unmittelbarer Nähe hat, und insbesondere wenn diese Wirte möglicherweise bereits verkürzte Lebenszyklen haben, wird eine erhöhte Virulenz zu einem evolutionären Vorteil.

Auch hier ist das Beispiel der Vogelgrippe ein hervorstechendes Beispiel. Wallace weist darauf hin, dass Studien „keine endemischen hochpathogenen Stämme [der Grippe] in Wildvogelpopulationen, dem ultimativen Quellreservoir fast aller Grippesubtypen“[iii] gezeigt haben. Stattdessen scheinen domestizierte Populationen, die in Industriebetrieben zusammengepfercht sind, aus offensichtlichen Gründen eine klare Beziehung zu solchen Ausbrüchen aufzuweisen:

Durch das Anlegen von genetischen Monokulturen von Haustieren werden alle verfügbaren Barrieren des Immunsystems beseitigt. Größere Bevölkerungszahlen und -dichten ermöglichen höhere Übertragungsraten. Solche beengten Verhältnisse verringern die Immunreaktion. Ein hoher Durchsatz, ein Bestandteil jeder industriellen Produktion, sorgt für einen ständig erneuerten Vorrat an Empfängern, dem Treibstoff für die Entwicklung der Virulenz.[iv]

Und natürlich ist jedes dieser Merkmale ein Resultat der Logik des industriellen Wettbewerbs. Insbesondere die schnelle Geschwindigkeit des „Durchsatzes“ in solchen Zusammenhängen hat eine stark biologische Dimension: „Sobald die industriell produzierten Tiere die richtige Größe erreichen, werden sie getötet. Bestehende Influenza-Infektionen müssen bei jedem beliebigen Tier schnell ihre Übertragungsschwelle erreichen […] Je schneller die Viren produziert werden, desto größer ist der Schaden für das Tier“[v] Ironischerweise kann der Versuch, solche Ausbrüche durch Massenschlachtungen zu unterdrücken – wie in den jüngsten Fällen der afrikanischen Schweinepest, die zum Verlust von fast einem Viertel des weltweiten Schweinefleischangebots führte -, den unbeabsichtigten Effekt haben, diesen Selektionsdruck noch zu erhöhen und dadurch die Entwicklung hypervirulenter Stämme zu induzieren. Obwohl solche Ausbrüche bei domestizierten Arten in der Vergangenheit häufig nach Zeiten von Kriegen oder Umweltkatastrophen aufgetreten sind, die den Druck auf die Tierbestände erhöht haben, ist die Zunahme der Intensität und Virulenz solcher Krankheiten unbestreitbar der Ausbreitung der kapitalistischen Produktion gefolgt.

Geschichte und Ätiologie
Die Plagen sind in hohem Maße der Schatten der kapitalistischen Industrialisierung und gleichzeitig ihr Vorbote. Die offensichtlichen Fälle von Pocken und anderen Pandemien, die nach Nordamerika eingeschleppt wurden, sind ein zu einfaches Beispiel, da ihre Intensität durch die langfristige Trennung der Bevölkerungen durch die physische Geographie verstärkt wurde – und diese Krankheiten hatten ihre Virulenz ohnehin schon durch vorkapitalistische Handelsnetze und die frühe Urbanisierung in Asien und Europa erlangt. Wenn wir stattdessen nach England schauen, wo der Kapitalismus zuerst auf dem Land durch die massenhaften Vertreibung der Bauern entstand, die durch Monokulturen von Vieh ersetzt wurden, sehen wir die frühesten Beispiele für diese ausgesprochen kapitalistischen Plagen. Im England des 18. Jahrhunderts traten drei verschiedene Pandemien auf, die sich von 1709-1720, 1742-1760 und 1768-1786 erstreckten. Der Ursprung jeder dieser Pandemien war importiertes Vieh aus Europa, das von den normalen vorkapitalistischen Pandemien, die auf Kriegshandlungen folgten, infiziert wurde. Aber in England hatte man begonnen, das Vieh auf neue Weise zu konzentrieren, und die Verbreitung des infizierten Viehs würde daher die Bevölkerung viel aggressiver als in Europa angreifen. Es ist also kein Zufall, dass sich die Ausbrüche auf die großen Londoner Molkereien konzentrierten, die ein ideales Umfeld für die Intensivierung des Virus boten.

Letztendlich wurden die Ausbrüche jeweils durch selektive, kleinere, frühzeitige Schlachtungen in Verbindung mit der Anwendung moderner medizinischer und wissenschaftlicher Praktiken eingedämmt – im Wesentlichen ähnlich wie bei der Bekämpfung solcher Epidemien heute. Dies ist der erste Fall, der sich zu einem klaren Muster entwickeln würde, das das der Wirtschaftskrisen selbst imitiert: Immer intensivere Zusammenbrüche, die das gesamte System an den Abgrund zu bringen scheinen, die aber letztlich durch eine Kombination aus Massenopferungen, die den Markt/die Bevölkerung säubert, und einer Intensivierung des technologischen Fortschritts – in diesem Fall moderne medizinische Praktiken und neue Impfstoffe – überwunden werden, die oft zu wenig und zu spät eintreffen, aber nichtsdestotrotz dazu beitragen, die Verwüstungen aufzufangen.

Aber dieses Beispiel aus der Heimat des Kapitalismus muss auch mit einer Erklärung der Auswirkungen kapitalistischer landwirtschaftlicher Praktiken an der Peripherie gepaart werden. Während die Rinderpandemien im frühkapitalistischen England eingedämmt wurden, waren die Ergebnisse anderswo weitaus verheerender. Das Beispiel mit den größten historischen Auswirkungen ist wahrscheinlich das des Ausbruchs der Rinderpest in Afrika in den 1890er Jahren. Das Datum selbst ist kein Zufall: Die Rinderpest hatte Europa mit einer Intensität geplagt, die dem Wachstum der großflächigen Landwirtschaft folgte, die nur durch den Fortschritt der modernen Wissenschaft in Schach gehalten wurde. Doch Ende des 19. Jahrhunderts erlebte der europäische Imperialismus seinen Höhepunkt, der durch die Kolonialisierung Afrikas verkörpert wurde. Die Rinderpest wurde von Europa mit den Italienern nach Ostafrika gebracht, die durch die Kolonisierung des Horns von Afrika mit einer Reihe von Militärkampagnen versuchten, zu den anderen imperialen Mächten aufzuschließen. Diese Kampagnen endeten meistens mit Misserfolgen, aber die Krankheit verbreitete sich dann über die einheimische Rinderpopulation und fand schließlich ihren Weg nach Südafrika, wo sie die frühe kapitalistische Agrarwirtschaft der Kolonie verwüstete und sogar die Herde auf dem Anwesen des berüchtigten, selbsternannten Anhänger der weißen Vorherrschaft Cecil Rhodes tötete. Der größere historische Effekt war unbestreitbar: Die Pest, bei der bis zu 80-90% des Viehs getötet wurden, führte zu einer beispiellosen Hungersnot in den überwiegend ländlichen Gesellschaften in Subsahara-Regionen. Auf diese Entvölkerung folgte dann die invasive Besiedlung der Savanne durch Dornenbüsche, die einen Lebensraum für die Tsetsefliege schufen, die sowohl die Schlafkrankheit mit sich brachte als auch das Weiden des Viehs verhindert. Dies stellte sicher, dass die Wiederbevölkerung der Region nach der Hungersnot begrenzt war, und ermöglichte die weitere Ausbreitung der europäischen Kolonialmächte auf dem Kontinent.

Abgesehen davon, dass sie periodisch landwirtschaftliche Krisen auslösten und die apokalyptischen Bedingungen hervorbrachten, die dem Kapitalismus halfen, über seine frühen Grenzen hinaus zu expandieren, haben solche Plagen auch das Proletariat im industriellen Zentren selbst heimgesucht. Bevor wir auf die vielen neueren Beispiele zurückkommen, sei noch einmal darauf hingewiesen, dass der Ausbruch des Coronavirus nichts spezifisch chinesisches an sich hat. Die Erklärungen dafür, warum so viele Epidemien in China aufzutreten scheinen, sind nicht kultureller Art, sondern eine Frage der Wirtschaftsgeographie. Das wird überdeutlich, wenn wir China mit den USA oder Europa zu der Zeit vergleichen, als letztere noch Zentren der globalen Produktion und der industriellen Massenbeschäftigung waren.[vi] Das Ergebnis ist im Wesentlichen identisch, mit identischen Merkmalen. Das Aussterben des Viehbestands auf dem Land traf auf schlechte sanitäre Praktiken und weit verbreitete Kontamination in der Stadt . Dies wurde zum Schwerpunkt der frühen liberal-progressiven Reformbemühungen in den Gebieten der Arbeiterklasse, verkörpert durch die Rezeption von Upton Sinclairs Roman Der Dschungel, der ursprünglich geschrieben wurde, um das Leiden der immigrierter Arbeiter*innen in der Fleischverpackungsindustrie zu dokumentieren, aber von wohlhabenderen Liberalen aufgegriffen wurde, die über Gesundheitsverletzungen und die allgemein unhygienischen Bedingungen, unter denen ihr eigenes Essen zubereitet wurde, besorgt waren.

Diese liberale Empörung über die „Unreinheit“ mit all ihrem impliziten Rassismus definiert immer noch das, was wir als die automatische Ideologie der meisten Menschen betrachten könnten, wenn sie mit den politischen Dimensionen von etwas wie dem Coronavirus oder der SARS-Epidemie konfrontiert werden. Aber die Arbeitenden haben wenig Kontrolle über die Bedingungen, unter denen sie arbeiten. Noch wichtiger ist, dass zwar unhygienische Bedingungen durch die Kontamination von Nahrungsmitteln aus der Fabrik austreten, aber diese Kontamination ist wirklich nur die Spitze des Eisbergs. Solche Bedingungen sind die Umgebungsnorm für diejenigen, die in ihnen arbeiten oder in den nahe gelegenen proletarischen Siedlungen leben, und diese Bedingungen führen zu einer Verschlechterung des Gesundheitszustands der Bevölkerung, die noch bessere Bedingungen für die Verbreitung der vielen Plagen des Kapitalismus bieten. Nehmen wir zum Beispiel den Fall der Spanischen Grippe, eine der tödlichsten Epidemien der Geschichte. Dies war einer der frühesten Ausbrüche der H1N1-Grippe (im Zusammenhang mit neueren Ausbrüchen der Schweine- und Vogelgrippe), und man ging lange Zeit davon aus, dass sie sich aufgrund der hohen Zahl der Todesopfer qualitativ von anderen Grippevarianten irgendwie unterscheidet. Dies scheint zwar zum Teil zu stimmen (aufgrund der Fähigkeit der Grippe, eine Überreaktion des Immunsystems hervorzurufen), aber spätere Literaturrecherchen und historische epidemiologische Untersuchungen ergaben, dass sie möglicherweise nicht viel virulenter als andere Stämme war. Stattdessen wurde die hohe Sterblichkeitsrate wahrscheinlich in erster Linie durch die weit verbreitete Unterernährung, die Überbevölkerung der Städte und die allgemein unhygienischen Lebensbedingungen in den betroffenen Gebieten verursacht, was nicht nur die Ausbreitung der Grippe selbst, sondern auch die Kultivierung bakterieller Superinfektionen über die zugrundeliegende Virusinfektion hinaus begünstigte.[vii]

Mit anderen Worten, die Zahl der Todesopfer der Spanischen Grippe wurde zwar als eine unvorhersehbare Abweichung im Charakter des Virus dargestellt, hat aber durch die sozialen Bedingungen einen entsprechenden Auftrieb erhalten. Inzwischen wurde die rasche Ausbreitung der Grippe durch den globalen Handel und die globale Kriegsführung ermöglicht, die sich damals um die sich schnell verändernden Imperialismen drehte, die den ersten Weltkrieg überlebten. Und wieder finden wir die uns bekannte Geschichte vor, wie ein solch tödlicher Grippestamm überhaupt erzeugt wurde: Obwohl der genaue Ursprung noch immer etwas unklar ist, wird heute weithin angenommen, dass er von domestizierten Schweinen oder Geflügel stammt, wahrscheinlich in Kansas. Zeit und Ort sind bemerkenswert, da die Jahre nach dem Krieg eine Art Wendepunkt für die amerikanische Landwirtschaft waren, in der zunehmend mechanisierte, fabrikähnliche Produktionsmethoden weit verbreitet waren. Diese Trends verstärkten sich erst in den 1920er Jahren, und die massenhafte Anwendung von Technologien wie dem Mähdrescher führte sowohl zu einer allmählichen Monopolisierung als auch zu einer ökologischen Katastrophe, die in der Dust Bowl-Krise und der darauf folgenden Massenmigration mündete. Die intensive Konzentration des Viehbestands, die die späteren Fabrikbetriebe kennzeichnen sollte, war noch nicht eingetreten, aber die grundlegenderen Formen der Konzentration und des intensiven Durchsatzes, die bereits zu Tierseuchen in ganz Europa geführt hatten, waren nun die Norm. Wenn die englischen Rinderepidemien des 18. Jahrhunderts der erste Fall einer ausgesprochen kapitalistischen Viehseuche waren und der Ausbruch der Rinderpest im Afrika der 1890er Jahre der größte der epidemiologischen Massenvernichtung des Imperialismus, dann kann die Spanische Grippe als die erste der Plagen des Kapitalismus auf das Proletariat verstanden werden.


Goldenes Zeitalter
Die Parallelen zum aktuellen chinesischen Fall sind auffallend. COVID-19 kann nicht verstanden werden, ohne die Art und Weise zu berücksichtigen, in der Chinas Entwicklung der letzten Jahrzehnte im und durch das globale kapitalistische System das Gesundheitssystem des Landes und den Zustand des öffentlichen Gesundheitswesens im Allgemeinen geprägt hat. Die Epidemie, wie neuartig sie auch sein mag, ähnelt daher anderen Krisen im Bereich der öffentlichen Gesundheit, die vor ihr stattfanden und die mit fast derselben Regelmäßigkeit wie Wirtschaftskrisen produziert werden und in der populären Presse auf ähnliche Weise betrachtet werden – als wären sie zufällige, „black swan“-Ereignisse, völlig unvorhersehbar und beispiellos. Die Realität ist jedoch, dass diese Gesundheitskrisen ihren eigenen chaotischen, zyklischen Wiederholungsmustern folgen, die durch eine Reihe struktureller Widersprüche wahrscheinlicher werden, die in die Natur der Produktion und des proletarischen Lebens im Kapitalismus eingebaut sind. Ähnlich wie im Fall der Spanischen Grippe konnte sich das Coronavirus ursprünglich durch eine allgemeine Verschlechterung der medizinischen Grundversorgung in der breiten Bevölkerung rasch durchsetzen und ausbreiten. Aber gerade weil diese Verschlechterung inmitten eines spektakulären Wirtschaftswachstums stattfand, wurde sie hinter dem Glanz glitzernder Städte und massiver Fabriken verschleiert. Die Realität sieht jedoch so aus, dass die Ausgaben für öffentliche Güter wie Gesundheitsversorgung und Bildung in China nach wie vor extrem niedrig sind, während der Großteil der öffentlichen Ausgaben in die Ziegel- und Mörtelinfrastruktur – Brücken, Straßen und billige Elektrizität für die Produktion – geflossen ist.

Gleichzeitig ist die Qualität der Produktion für den Binnenmarkt oft gefährlich schlecht. Seit Jahrzehnten produziert die chinesische Industrie qualitativ hochwertige, wertvolle Exportgüter, die nach den höchsten globalen Standards für den Weltmarkt hergestellt werden, wie z.B. iPhones und Computerchips. Aber die Waren, die für den Verbrauch auf dem heimischen Markt übrig bleiben, haben miserable Standards, die regelmäßig Skandale und ein tiefes öffentliches Misstrauen hervorgerufen haben. Die vielen Fälle haben ein unbestreitbares Echo von Sinclairs Der Dschungel und andere Erzählungen aus dem Amerika des Goldenen Zeitalters. Der größte Fall in der jüngsten Vergangenheit, der Melaminmilch-Skandal von 2008, hinterließ ein Dutzend tote Kinder und Zehntausende von Krankenhauseinweisungen (obwohl vermutlich Hunderttausende davon betroffen waren). Seitdem haben eine Reihe von Skandalen die Öffentlichkeit regelmäßig erschüttert: 2011, als in Restaurants im ganzen Land „Altöl“ aus Fettabscheidern gefunden wurde, oder 2018, als fehlerhafte Impfstoffe mehrere Kinder töteten, und dann ein Jahr später, als Dutzende ins Krankenhaus eingeliefert wurden, als gefälschte HPV-Impfstoffe verabreicht wurden. Weiter etwas mildere Geschichten grassieren und bilden eine vertraute Kulisse für jeden, der in China lebt: pulverförmige Instant-Suppenmischung, die mit Seife geschnitten wurde, um die Kosten niedrig zu halten, Unternehmer, die Schweine, die an mysteriösen Ursachen gestorben sind, an benachbarte Dörfer verkaufen, detaillierte Klatschgeschichten darüber, welche Imbisse am ehesten krank machen.

Vor der stückweisen Eingliederung des Landes in das globale kapitalistische System wurden Dienstleistungen wie die Gesundheitsfürsorge in China einst (größtenteils in den Städten) im Rahmen des Danwei-Systems der betrieblichen Leistungen oder (meistens – aber nicht ausschließlich – auf dem Land) von lokalen Gesundheitskliniken mit einer Vielzahl von „Barfußärzten*innen“ erbracht, die alle als kostenlose Dienstleistung angeboten wurden. Die Erfolge der sozialistischen Gesundheitsfürsorge, wie auch die Erfolge im Bereich der Grundbildung und Alphabetisierung, waren so groß, dass selbst die schärfsten Kritiker des Landes sie anerkennen mussten. Das Schneckenfieber, das das Land jahrhundertelang geplagt hat, wurde im Wesentlichen in weiten Teilen seines historischen Kerns ausgerottet, um erst wieder in Kraft zu treten, als das sozialistische Gesundheitssystem abgebaut wurde. Die Säuglingssterblichkeit ging stark zurück, und selbst trotz der Hungersnot, die den großen Sprung nach vorn begleitete, stieg die Lebenserwartung zwischen 1950 und den frühen 1980er Jahren von 45 auf 68 Jahre. Impfungen und allgemeine Hygienepraktiken wurden weit verbreitet, und grundlegende Informationen über Ernährung und öffentliche Gesundheit sowie der Zugang zu rudimentären Medikamenten waren kostenlos und für alle zugänglich. In der Zwischenzeit trug das System der „Barfußärzten*innen“ dazu bei, einem grossen Teil der Bevölkerung grundlegendes, wenn auch begrenztes medizinisches Wissen zu vermitteln, und trug so zum Aufbau eines robusten, bottom-up Gesundheitssystems unter Bedingungen schwerer materieller Armut bei. Man sollte sich daran erinnern, dass all dies zu einer Zeit geschah, als China pro Kopf ärmer war als das durchschnittliche afrikanische Land südlich der Sahara heute.

Seitdem hat eine Kombination aus Vernachlässigung und Privatisierung dieses System erheblich verschlechtert, und zwar genau zu dem Zeitpunkt, als die rasche Verstädterung und die unregulierte industrielle Produktion von Haushaltsgütern und Lebensmitteln die Notwendigkeit einer umfassenden Gesundheitsfürsorge, ganz zu schweigen von Lebensmittel-, Arzneimittel- und Sicherheitsvorschriften, noch notwendiger machte. Heute belaufen sich Chinas öffentliche Gesundheitsausgaben nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation auf 323 US-Dollar pro Kopf. Diese Zahl ist selbst unter anderen Ländern mit „gehobenem Mitteleinkommen“ niedrig und beträgt etwa die Hälfte der Ausgaben von Brasilien, Weißrussland und Bulgarien.
Die Regulierung ist minimal bis gar nicht vorhanden, was zu zahlreichen Skandalen der oben genannten Art führte. Die Auswirkungen all dessen spüren inzwischen am stärksten die Hunderte von Millionen von Wanderarbeitern, für die jegliches Recht auf eine medizinische Grundversorgung völlig verfällt, wenn sie ihre ländlichen Heimatstädte verlassen (wo sie im Rahmen des Hukou-Systems unabhängig von ihrem tatsächlichen Aufenthaltsort dauerhaft ansässig sind, was bedeutet, dass die verbleibenden öffentlichen Ressourcen anderswo nicht zugänglich sind).

Angeblich sollte das öffentliche Gesundheitswesen Ende der 1990er Jahre durch ein stärker privatisiertes System (wenn auch staatlich verwaltet) ersetzt werden, in dem eine Kombination aus Arbeitgeber- und Arbeitnehmer*innenbeiträgen für medizinische Versorgung, Renten und Wohnungsversicherung sorgen sollte. Aber dieses Sozialversicherungssystem hat unter einer systematischen Unterbezahlung gelitten, da angeblich „erforderliche“ Beiträge der Arbeitgeber*innen oft einfach ignoriert werden, so dass die überwiegende Mehrheit der Arbeitnehmer aus eigener Tasche zahlen muss. Nach der letzten verfügbaren nationalen Schätzung hatten nur 22 Prozent der Wanderarbeitnehmer eine medizinische Grundversicherung. Das Fehlen von Beiträgen zur Sozialversicherung ist jedoch nicht nur eine boshafte Handlung einzelner korrupter Bosse, sondern ist vor allem darauf zurückzuführen, dass die geringen Gewinnspannen keinen Raum für Sozialleistungen lassen. In unseren eigenen Berechnungen haben wir festgestellt, dass die Auszahlung unbezahlter Sozialversicherungsbeiträge in einem Industriezentrum wie Dongguan die Industrieprofite halbieren und viele Firmen in den Bankrott treiben würde. Um die massiven Lücken auszugleichen, hat China ein medizinisches Zusatzsystem für Rentner*innen und Selbständige eingerichtet, das im Durchschnitt nur einige hundert Yuan pro Person und Jahr ausbezahlt.

Dieses angeschlagene medizinische System produziert seine eigenen erschreckenden sozialen Spannungen. Jedes Jahr werden mehrere medizinische Mitarbeiter*innen getötet und Dutzende werden bei Angriffen von wütenden Patient*innen oder, was noch häufiger vorkommt, von Familienangehörigen von Patient*innen, die in ihrer Obhut sterben, verletzt. Der jüngste Angriff ereignete sich am Heiligabend, als ein Arzt in Peking vom Sohn eines Patienten erstochen wurde, der glaubte, seine Mutter sei an der schlechten Versorgung im Krankenhaus gestorben. Eine Umfrage unter Ärzt*innen ergab, dass erschütternde 85 Prozent Gewalt am Arbeitsplatz erlebt hatten, und eine andere Umfrage ergab, dass ab 2015 13 Prozent der Ärzt*innen in China im Vorjahr körperlich angegriffen worden waren. Chinesische Ärzte*innen haben viermal so viele Patienten*innen pro Jahr wie US-Ärzt*innen und werden mit weniger als 15.000 US-Dollar pro Jahr bezahlt – das ist weniger als das Pro-Kopf-Einkommen (16.760 US-Dollar), während in den USA das durchschnittliche Gehalt (etwa 300.000 US-Dollar) fast fünfmal so hoch ist wie das Pro-Kopf-Einkommen (60.200 US-Dollar). Bevor es 2016 stillgelegt und seine Schöpfer verhaftet wurden, verzeichnete das inzwischen aufgegebene, nicht mehr weitergeführte Blog-Projekt von Lu Yuyu und Li Tingyu jeden Monat zumindest einige Streiks und Proteste von medizinischen Mitarbeiter*innen. 2015, dem letzten vollen Jahr ihrer akribisch gesammelten Daten, gab es 43 solcher Ereignisse. Außerdem verzeichneten sie jeden Monat Dutzende von „Vorfällen bei der medizinischen Behandlung [Proteste]“, die von Familienangehörigen von Patient*innen angeführt wurden, wobei im Jahr 2015 368 solcher Vorfälle registriert wurden.

Unter diesen Bedingungen der massiven öffentlichen Ausgliederung aus dem Gesundheitssystem ist es keine Überraschung, dass sich COVID-19 so leicht durchsetzen konnte. In Verbindung mit der Tatsache, dass in China alle 1-2 Jahre eine neue übertragbare Krankheit auftritt, scheinen die Voraussetzungen für eine Fortsetzung solcher Epidemien gegeben zu sein. Wie im Falle der Spanischen Grippe haben die allgemein schlechten Bedingungen der öffentlichen Gesundheit unter der proletarischen Bevölkerung dazu beigetragen, dass das Virus sowohl Fuß gefasst hat als auch sich von dort aus schnell ausbreitet. Aber auch hier ist es nicht nur eine Frage der Verbreitung. Wir müssen auch verstehen, wie das Virus selbst produziert wurde.


Es gibt keine Wildnis
Im Falle des jüngsten Ausbruchs ist die Geschichte weniger eindeutig als bei den Fällen von Schweine- oder Vogelgrippe, die so eindeutig mit dem Kern des agroindustriellen Systems in Verbindung gebracht werden. Einerseits ist der genaue Ursprung des Virus noch nicht ganz klar. Es ist möglich, dass es von Schweinen stammt, die eines von vielen domestizierten und wildlebenden Tieren sind, die auf dem wet market von Wuhan gehandelt werden, der das Epizentrum des Ausbruchs zu sein scheint. In diesem Fall könnte die Ursache den oben genannten Fällen ähnlicher sein, als es sonst den Anschein hat. Die größere Wahrscheinlichkeit scheint jedoch darauf hinzuweisen, dass das Virus von Fledermäusen oder möglicherweise Schlangen stammt, die beide normalerweise in der Wildnis gefangen werden. Aber auch hier besteht ein Zusammenhang, da die durch den Ausbruch der Afrikanischen Schweinepest verursachte Verschlechterung der Verfügbarkeit und Sicherheit von Schweinefleisch dazu geführt hat, dass die erhöhte Fleischnachfrage häufig durch diese wet markets gedeckt wurde, die „wildes“ Wildfleisch verkaufen. Aber kann man ohne den direkten Zusammenhang mit der Massentierhaltung wirklich sagen, dass dieselben wirtschaftlichen Prozesse bei diesem speziellen Ausbruch eine Kompliz*innenschaft tragen?

Die Antwort ist ja, aber auf eine andere Art und Weise. Auch hier weist Wallace nicht nur auf einen, sondern auf zwei Hauptwege hin, auf denen der Kapitalismus hilft, immer tödlichere Epidemien auszubreiten und zu entfesseln: Der erste, der oben skizziert wurde, ist der direkt industrielle Fall, bei dem Viren in industriellen Umgebungen gedeihen, die vollständig in der kapitalistischen Logik subsumiert wurden. Aber der zweite ist der indirekte Fall, der sich über die kapitalistische Expansion und Extraktion im Hinterland abspielt, wo bisher unbekannte Viren im Wesentlichen aus Wildpopulationen geerntet und entlang der globalen Kapitalkreisläufe verteilt werden. Beide sind natürlich nicht völlig getrennt, aber es scheint der zweite Fall zu sein, der die Entstehung der gegenwärtigen Epidemie am besten beschreibt.[ix] In diesem Fall bildet die erhöhte Nachfrage nach den Körpern von Wildtieren zum Verzehr, zur medizinischen Verwendung oder (wie im Fall von Kamelen und MERS) eine Vielzahl kulturell bedeutsamer Funktionen neue globale Warenketten in „wilden“ Waren. In anderen Fällen erstrecken sich bereits bestehende agro-ökologische Wertschöpfungsketten einfach in bisher „wilde“ Bereiche, verändern lokale Ökologien und modifizieren die Schnittstelle zwischen Mensch und Nichtmensch.

Wallace selbst ist sich hierüber im Klaren und erklärt verschiedene Dynamiken, die schlimmere Krankheiten verursachen, obwohl die Viren selbst bereits in „natürlichen“ Umgebungen existieren. Die Ausweitung der industriellen Produktion selbst „könnte zunehmend kapitalisierte wilde Nahrungsmittel tiefer in die letzte der primären Landschaft drängen und eine größere Vielfalt potenziell protopandemischer Krankheitserreger ausbaggern“. Mit anderen Worten: Da die Kapitalakkumulation neue Gebiete erfaßt, werden die Tiere in weniger zugängliche Gebiete gedrängt, wo sie mit zuvor isolierten Krankheitsstämmen in Kontakt kommen, während diese Tiere selbst zur Zielscheibe der Kommerzialisierung werden, da „selbst die wildesten Spezies die zum Lebensunterhalt dienen in die Wertschöpfungsketten der Landwirtschaft eingebunden werden“. In ähnlicher Weise drängt diese Ausdehnung den Menschen näher an diese Tiere und diese Umgebungen, was „die Schnittstelle (und das Übergreifen) zwischen wilden, nichtmenschlichen Populationen und neu urbanisierter Ländlichkeit vergrößern kann“. Dies gibt dem Virus mehr Möglichkeiten und Ressourcen, so zu mutieren, dass es Menschen infizieren kann, was die Wahrscheinlichkeit eines biologischen Übergreifens erhöht. Die Geographie der Industrie selbst ist ohnehin nie ganz so sauber, weder in der Stadt noch auf dem Land, so wie die monopolisierte industrielle Landwirtschaft sowohl Groß- als auch Kleinbauernhöfe nutzt: „Auf dem Kleinbauernhof eines [Fabrikbetriebs] am Waldrand kann sich ein Lebensmitteltier einen Krankheitserreger einfangen, bevor es zu einem Verarbeitungsbetrieb am äußeren Ring einer Großstadt zurückgeschickt wird.“

Tatsache ist, dass die „natürliche“ Sphäre bereits unter ein vollständig globales kapitalistisches System subsumiert ist, dem es gelungen ist, die grundlegenden klimatischen Bedingungen zu verändern und so viele vorkapitalistische[x] Ökosysteme zu zerstören, dass der Rest nicht mehr so funktioniert, wie es in der Vergangenheit der Fall war. Hier liegt ein weiterer ursächlicher Faktor, denn all diese Prozesse der ökologischen Zerstörung reduzieren laut Wallace „die Art der Umweltkomplexität, mit der der Wald die Übertragungsketten unterbricht“. Die Realität ist also, dass es eine falsche Bezeichnung ist, solche Gebiete als die natürliche „Peripherie“ eines kapitalistischen Systems zu betrachten. Der Kapitalismus ist bereits global und totalisierend. Er hat keinen Rand und keine Grenze mehr zu einer natürlichen, nicht-kapitalistischen Sphäre jenseits davon, und deshalb gibt es auch keine große Entwicklungskette, in der „rückständige“ Länder auf ihrem Weg nach oben in der Wertschöpfungskette denen folgen, die vor ihnen liegen, und auch keine echte Wildnis, die in einer Art reinem, unberührtem Zustand erhalten werden kann. Stattdessen hat das Kapital lediglich ein untergeordnetes Hinterland, das seinerseits vollständig in globale Wertschöpfungsketten eingebunden ist.

Die daraus resultierenden Sozialsysteme – vom vermeintlichen „Tribalismus“ bis hin zur Erneuerung antimoderner fundamentalistischer Religionen – sind ganz und gar zeitgemäße Produkte und fast immer de facto an die globalen Märkte angeschlossen, oft ganz direkt. Dasselbe gilt für die daraus resultierenden biologisch-ökologischen Systeme, da „wilde“ Gebiete dieser globalen Wirtschaft sowohl im abstrakten Sinne der Abhängigkeit vom Klima und den damit verbundenen Ökosystemen als auch im direkten Sinne der Einbindung in dieselben globalen Wertschöpfungsketten immanent sind.
Diese Tatsache schafft die notwendigen Voraussetzungen für die Umwandlung „wilder“ Virenstämme in globale Pandemien. Aber COVID-19 ist kaum die schlimmste davon. Eine ideale Veranschaulichung des Grundprinzips – und der globalen Gefahr – findet sich stattdessen in Ebola. Das Ebola-Virus[xi] ist ein klarer Fall eines vorhandenen Virusreservoirs, das in die menschliche Bevölkerung ausströmt. Die derzeitigen Erkenntnisse deuten darauf hin, dass seine Ursprungswirte mehrere in West- und Zentralafrika heimische Fledermausarten sind, die als Überträger fungieren, aber selbst nicht von dem Virus befallen sind. Dasselbe gilt nicht für die anderen wildlebenden Säugetiere wie Primaten und Antilopen, die sich periodisch mit dem Virus infizieren und schnelle Ausbrüche mit hoher Sterblichkeitsrate erleiden. Ebola hat einen besonders aggressiven Lebenszyklus über seine Reservoir-Spezies hinaus. Durch den Kontakt mit einem dieser wilden Wirte kann auch der Mensch infiziert werden, mit verheerenden Folgen. Es sind mehrere große Epidemien aufgetreten, und die Todesrate war bei den meisten von ihnen extrem hoch, fast immer mehr als 50%. Der größte verzeichnete Ausbruch, der sich zwischen 2013 und 2016 in mehreren westafrikanischen Ländern sporadisch fortsetzte, forderte 11.000 Todesopfer. Die Sterblichkeitsrate der Patient*innen, die bei diesem Ausbruch ins Krankenhaus eingeliefert wurden, lag zwischen 57 und 59%, und viel höher bei denjenigen, die keinen Zugang zu Krankenhäusern hatten. In den letzten Jahren wurden mehrere Impfstoffe von privaten Unternehmen entwickelt, aber langsame Zulassungsmechanismen und strenge Rechte an geistigem Eigentum haben in Verbindung mit dem weit verbreiteten Mangel an einer Gesundheitsinfrastruktur dazu geführt, dass Impfstoffe wenig dazu beigetragen haben, die jüngste Epidemie, die sich in der Demokratischen Republik Kongo konzentriert und nun den längsten Ausbruch darstellt, zu stoppen.

Die Krankheit wird oft so dargestellt, als sei sie so etwas wie eine Naturkatastrophe – bestenfalls zufällig, schlimmstenfalls wird sie den „unreinen“ kulturellen Praktiken der waldbewohnenden Armen angelastet. Aber der Zeitpunkt dieser beiden großen Ausbrüche (2013-2016 in Westafrika und 2018 – in der DRK) ist kein Zufall. Beide sind genau dann aufgetreten, als die Expansion der Primärindustrie die im Wald lebenden Menschen weiter verdrängt und die lokalen Ökosysteme gestört hat. Tatsächlich scheint dies für mehr als die jüngsten Fälle zu gelten, denn, wie Wallace erklärt, „jeder Ebola-Ausbruch scheint mit kapitalbedingten Verschiebungen der Landnutzung verbunden zu sein, auch zurück zum ersten Ausbruch in Nzara, Sudan, im Jahr 1976, wo eine von Großbritannien finanzierte Fabrik lokale Baumwolle spinnte und webte“. In ähnlicher Weise traten die Ausbrüche im Jahr 2013 in Guinea auf, kurz nachdem eine neue Regierung begonnen hatte, das Land für die globalen Märkte zu öffnen und große Landstriche an internationale Agrobusiness-Konglomerate zu verkaufen. Die Palmölindustrie, die für ihre Rolle bei der weltweiten Entwaldung und Umweltzerstörung berüchtigt ist, scheint besonders schuldig gewesen zu sein, da ihre Monokulturen sowohl die robusten ökologischen Redundanzen, die zur Unterbrechung der Übertragungsketten beitragen, vernichten als auch die Fledermausarten, die als natürliches Reservoir für das Virus dienen, buchstäblich anziehen.[xii]

Der Verkauf großer Landflächen an kommerzielle Agroforstunternehmen führt sowohl zur Enteignung der im Wald lebenden Einheimischen als auch zur Störung ihrer vom Ökosystem abhängigen lokalen Produktions- und Ernteformen. Dies lässt den Armen auf dem Land oft keine andere Wahl, als weiter in den Wald zu drängen, während gleichzeitig ihre traditionelle Beziehung zu diesem Ökosystem gestört ist. Das Ergebnis ist, dass das Überleben zunehmend von der Jagd auf Wild oder der Ernte der lokalen Flora und des Holzes für den Verkauf auf den globalen Märkten abhängt. Solche Bevölkerungsgruppen werden dann zum Sündenböcken für den Zorn globaler Umweltorganisationen, die sie als „Wildernde“ und „illegale Holzfällende“ verunglimpfen, die für genau die Entwaldung und ökologische Zerstörung verantwortlich sind, die sie überhaupt erst zu solchen Geschäften getrieben haben. Oft nimmt der Prozess dann eine viel dunklere Wendung, wie in Guatemala, wo antikommunistische Paramilitärs, die vom Bürgerkrieg des Landes übrig geblieben waren, in „grüne“ Sicherheitskräfte verwandelt wurden, die den Wald vor dem illegalen Holzeinschlag, der Jagd und dem Drogenhandel „schützen“ sollten, die die einzigen Gewerbe waren, die den indigenen Bewohner*innen zur Verfügung standen – die gerade wegen der gewaltsamen Unterdrückung durch dieselben Paramilitärs während des Krieges zu solchen Aktivitäten gedrängt worden waren. Das Muster wurde seither weltweit reproduziert, angefeuert von Social-Media-Posten in Ländern mit hohem Einkommen, die die (oft buchstäblich vor der Kamera aufgezeichnete) Hinrichtung von „Wildernden“ durch angeblich „grüne“ Sicherheitskräfte feiern.[xiv]


Eindämmung: Eine Übung in der Staatskunst
COVID-19 hat die weltweite Aufmerksamkeit mit einer beispiellosen Stärke erregt. Ebola, die Vogelgrippe und SARS hatten natürlich alle ihren entsprechenden Medienrummel. Aber irgendetwas an dieser neuen Epidemie hat eine andere Art von Durchhaltevermögen erzeugt. Zum Teil ist dies sicherlich auf das spektakuläre Ausmaß der Reaktion der chinesischen Regierung zurückzuführen, die zu ebenso spektakulären Bildern von entleerten Megastädten führte, die in krassem Gegensatz zum normalen Medienbild Chinas als überfüllt und überbelastet stehen. Diese Reaktion war auch eine fruchtbare Quelle für die üblichen Spekulationen über den bevorstehenden politischen oder wirtschaftlichen Zusammenbruch des Landes, die durch die anhaltenden Spannungen des Handelskrieges mit den USA in der Anfangsphase noch zusätzlich angeheizt wurden. In Verbindung mit der raschen Ausbreitung des Virus verleiht ihm dies trotz seiner geringen Todesrate den Charakter einer unmittelbaren globalen Bedrohung.[xv]

Auf einer tieferen Ebene scheint jedoch das Faszinierendste an der Reaktion des Staates die Art und Weise zu sein, wie sie über die Medien als eine Art melodramatische Generalprobe für die vollständige Mobilisierung der innerstaatlichen Aufstandsbekämpfung aufgeführt wurde. Das gibt uns echte Einblicke in die Repressionskapazität des chinesischen [und italienischen Anm. d. Ü.] Staates, aber es unterstreicht auch die tiefere Unfähigkeit dieses Staates, die sich darin zeigt, dass er sich so stark auf eine Kombination aus totalen Propaganda-Maßnahmen, die durch alle Facetten der Medien eingesetzt werden, und der Mobilisierungen des Goodwill der Einheimischen, die ansonsten keine materielle Verpflichtung zur Einhaltung haben, verlassen muss. Sowohl die chinesische als auch die westliche Propaganda haben die tatsächliche Unterdrückungskapazität der Quarantäne hervorgehoben, wobei erstere sie als einen Fall effektiver staatlicher Intervention im Notfall und letztere als einen weiteren Fall totalitärer Übergriffe seitens des dystopischen chinesischen Staates bezeichnet. Die unausgesprochene Wahrheit ist jedoch, dass gerade die Aggressivität des harten Durchgreifens eine tiefere Unfähigkeit des chinesischen Staates bedeutet, der sich selbst noch sehr stark im Aufbau befindet.

Dies gibt uns selbst einen Einblick in das Wesen des chinesischen Staates und zeigt uns, wie er neue und innovative Techniken der sozialen Kontrolle und Krisenreaktion entwickelt, die auch unter Bedingungen eingesetzt werden können, unter denen die grundlegende Staatsmaschinerie nur spärlich oder gar nicht vorhanden ist. Solche Bedingungen bieten unterdessen ein noch interessanteres (wenn auch spekulativeres) Bild davon, wie die herrschende Klasse in einem bestimmten Land reagieren könnte, wenn eine weit verbreitete Krise und ein aktiver Aufstand selbst in den robustesten Staaten ähnliche Zusammenbrüche verursachen. Der Ausbruch des Virus wurde in jeder Hinsicht durch schlechte Verbindungen zwischen den Regierungsebenen begünstigt: Repression von „Whistleblower“-Ärzt*innen durch lokale Beamt*innen, die den Interessen der Zentralregierung zuwiderläuft, ineffektive Mechanismen zur Meldung von Krankenhäusern und eine extrem schlechte medizinischer Grundversorgung sind nur einige Beispiele. Inzwischen haben sich die verschiedenen lokalen Regierungen in unterschiedlichem Tempo wieder normalisiert, fast vollständig außerhalb der Kontrolle des Zentralstaates (außer in Hubei, dem Epizentrum). Zum Zeitpunkt der Erstellung dieses Artikels scheint es fast völlig zufällig zu sein, welche Häfen in Betrieb sind und welche Orte die Produktion wieder aufgenommen haben. Aber diese zusammengebastelte Quarantäne hat dazu geführt, dass die logistischen Fernliniennetze zwischen den Städten weiterhin gestört sind, da jede lokale Regierung in der Lage zu sein scheint, die Durchfahrt von Zügen oder Lastwagen durch ihre Grenzen einfach zu verhindern. Und diese Unfähigkeit auf der Basisebene der chinesischen Regierung hat sie gezwungen, mit dem Virus wie mit einem Aufstand umzugehen, indem sie ein Rollenspiel im Bürgerkrieg gegen einen unsichtbaren Feind spielt.

Die nationale Staatsmaschinerie kam am 22. Januar wirklich ins Rollen, als die Behörden die Notfallmaßnahmen in der gesamten Provinz Hubei verbesserten und der Öffentlichkeit mitteilten, dass sie die rechtliche Befugnis hätten, Quarantäneeinrichtungen zu errichten sowie Personal, Fahrzeuge und Einrichtungen zu „sammeln“, die für die Eindämmung der Krankheit erforderlich sind, oder Blockaden zu errichten und den Verkehr zu kontrollieren (und damit ein Phänomen zu verhindern, von dem sie wusste, dass es trotzdem auftreten würde). Mit anderen Worten, der vollständige Einsatz staatlicher Mittel begann eigentlich mit einem Aufruf zu freiwilligen Einsätzen im Namen der Einheimischen. Einerseits wird eine solch massive Katastrophe die Kapazitäten eines jeden Staates belasten (siehe z.B. die Reaktion auf Hurricanes in den USA). Andererseits wiederholt sich damit aber auch das in der chinesischen Staatskunst übliche Muster, dass der Zentralstaat, dem es an effizienten formalen und durchsetzbaren Befehlsstrukturen fehlt, die bis auf die lokale Ebene reichen, sich stattdessen auf eine Kombination aus öffentlich publizierten Aufrufen zur Mobilisierung lokaler Beamt*innen und Bürger*innen und einer Reihe von nachträglichen Bestrafungen der schlimmsten Einsatzkräfte (die als Razzia gegen die Korruption dargestellt werden) verlassen muss. Die einzige wirklich effiziente Reaktion ist in bestimmten Bereichen zu finden, in denen der Zentralstaat den Großteil seiner Macht und Aufmerksamkeit konzentriert – in diesem Fall Hubei im Allgemeinen und Wuhan im Besonderen. Am Morgen des 24. Januar war die Stadt bereits vollständig abgeriegelt, und fast einen Monat nach der Neufassung des Gesetzes waren keine Züge ein- oder ausgefahren. Nationale Gesundheitsbeamte haben erklärt, dass die Gesundheitsbehörden in der Lage sind, jeden nach eigenem Ermessen zu untersuchen und unter Quarantäne zu stellen. Neben den Großstädten Hubei haben Dutzende anderer Städte in ganz China, darunter Peking, Guangzhou, Nanjing und Shanghai, unterschiedlich starke Sperren für die Personen- und Warenströme in und aus ihren Grenzen eingeführt.

Als Reaktion auf den Mobilisierungsaufruf des Zentralstaates haben einige Ortschaften ihre eigenen seltsamen und schwerwiegenden Initiativen ergriffen. Die beängstigendsten dieser Initiativen sind in vier Städten der Provinz Zhejiang zu finden, wo dreißig Millionen Menschen lokale Pässe ausgestellt wurden, die es nur einer Person pro Haushalt erlauben, alle zwei Tage das Haus zu verlassen. Städte wie Shenzhen und Chengdu haben angeordnet, dass jedes Viertel abgeriegelt wird, und haben erlaubt, dass ganze Wohnhäuser für 14 Tage unter Quarantäne gestellt werden, wenn ein einziger bestätigter Fall des Virus darin gefunden wird. In der Zwischenzeit wurden Hunderte von Menschen wegen „Verbreitung von Gerüchten“ über die Krankheit festgenommen oder mit Geldstrafen belegt, und einige, die aus der Quarantäne geflohen sind, wurden verhaftet und zu langen Gefängnisstrafen verurteilt. In den Gefängnissen selbst kommt es nun zu einem schweren Ausbruch, da die Beamten nicht in der Lage sind, kranke Menschen zu isolieren, selbst in einer Umgebung, die buchstäblich für eine einfache Isolierung ausgelegt ist. Diese Art verzweifelter, aggressiver Maßnahmen spiegelt die extremen Fälle von Aufstandsbekämpfung wider und erinnert am deutlichsten an die militärisch-koloniale Besetzung von Orten wie Algerien oder, in jüngster Zeit, Palästina. Noch nie zuvor wurden sie in diesem Ausmaß durchgeführt, nicht in solchen Megastädten, in denen ein Großteil der Weltbevölkerung lebt. Die Durchführung der Niederschlagung bietet dann eine seltsame Art von Lektion für diejenigen, die eine globale Revolution anstreben, da es sich im Wesentlichen um eine Trockenübung staatlich geführter Reaktion handelt.

Bild von einem lokalen Checkpoint, das in China in den sozialen Medien seine Runden machte

Unfähigkeit
Dieses besondere Durchgreifen profitiert von seinem scheinbar humanitären Charakter, da der chinesische Staat in der Lage ist, eine größere Anzahl von Einheimischen zu mobilisieren, um bei der im Wesentlichen ehrenwerten Sache der Eindämmung der Verbreitung des Virus zu helfen. Aber wie zu erwarten ist, gehen solche Maßnahmen immer auch nach hinten los. Die Aufstandsbekämpfung ist schließlich eine verzweifelte Art von Krieg, der nur dann geführt wird, wenn robustere Formen der Eroberung, Beschwichtigung und wirtschaftlichen Eingliederung unmöglich geworden sind. Es ist eine teure, ineffiziente und defensive Aktion, die das tiefere Unvermögen verrät, welche Macht auch immer damit beauftragt ist, sie einzusetzen – seien es die französischen Kolonialinteressen, das schwindende amerikanische Imperium oder andere. Das Ergebnis der Niederschlagung ist fast immer ein zweiter, blutbefleckter, und durch die Zerschlagung des ersten noch verzweifelterer Aufstand. Für diesen Fall wird die Quarantäne kaum die Realität des Bürgerkriegs und der Aufstandsbekämpfung widerspiegeln. Aber selbst in hierfür ist die Niederschlagung auf ihre eigene Weise nach hinten losgegangen. Da sich ein Großteil der staatlichen Bemühungen auf die Kontrolle von Informationen und die ständige Propaganda über alle möglichen Medienapparate konzentriert, haben sich auch die Unruhen weitgehend auf diesen Plattformen ausgedrückt.

Der Tod von Dr. Li Wenliang, einem frühen Informanten über die Gefahren des Virus, am 7. Februar erschütterte die Bürger*innen, die in ihren Häusern im ganzen Land eingeschlossen waren. Li war einer von acht Ärzten, die Anfang Januar von der Polizei wegen der Verbreitung „falscher Informationen“ verhaftet wurden, bevor er später selbst mit dem Virus infizierte wurde. Sein Tod löste in der Netzöffentlichkeit Wut aus und veranlasste die Regierung in Wuhan zu eine Erklärung des Bedauerns. Die Menschen beginnen zu erkennen, dass der Staat aus stümperhaften Beamt*innen und Bürokrat*innen besteht, die nicht wissen, was sie tun sollen, aber dennoch ein starkes Gesicht aufsetzen.[xvi] Diese Tatsache wurde im Wesentlichen offenbart, als der Bürgermeister von Wuhan, Zhou Xianwang, gezwungen war, im staatlichen Fernsehen zuzugeben, dass seine Regierung die Veröffentlichung kritischer Informationen über das Virus nach einem Ausbruch verzögert hatte. Gerade die durch den Ausbruch verursachte Spannung, kombiniert mit der totale Mobilisierung des Staates, hat begonnen, der allgemeinen Bevölkerung die tiefen Risse zu offenbaren, die hinter dem hauchdünnen Porträt liegen, das die Regierung von sich selbst malt. Mit anderen Worten: Bedingungen wie diese haben die grundlegenden Unfähigkeiten des chinesischen Staates einer wachsenden Zahl von Menschen offenbart, die früher die Propaganda der Regierung für bare Münze genommen hätten.

Wenn es ein einziges Symbol gäbe, das den grundlegenden Charakter der Reaktion des Staates zum Ausdruck bringen könnte, dann wäre es so etwas wie das obige Video, das von einem Einheimischen in Wuhan gedreht und über Twitter in Hongkong dem westlichen Internet zugänglich gemacht wurde.[xvii] Im Wesentlichen zeigt es eine Reihe von Menschen, die scheinbar Ärzte* oder Ersthelfer* in voller Schutzkleidung sind und ein Foto mit der chinesischen Flagge machen. Die Person, die das Video dreht, erklärt, dass sie sich jeden Tag für verschiedene Fototermine vor dem Gebäude aufhalten. Das Video folgt dann den Männern*, während sie die Schutzkleidung ablegen und herumstehen, um zu plaudern und zu rauchen, wobei sie sogar einen der Anzüge benutzen, um ihr Auto zu reinigen. Bevor sie losfahren, wirft einer der Männer* den Schutzanzug kurzerhand in einen nahe gelegenen Mülleimer, ohne sich die Mühe zu machen, ihn bis auf den Boden zu stopfen, wo er nicht gesehen wird. Videos wie dieses haben sich schnell verbreitet, bevor sie zensiert wurden – kleine Risse im dünnen Schleier des staatlich sanktionierten Spektakels.

Auf einer grundlegenderen Ebene hat die Quarantäne auch die erste Welle wirtschaftlicher Auswirkungen auf das Privatleben der Menschen gezeigt. Über die makroökonomische Seite dieses Phänomens wurde viel berichtet, wobei ein massiver Rückgang des chinesischen Wachstums eine neue globale Rezession riskiert, insbesondere wenn man mit einer anhaltenden Stagnation in Europa und dem jüngsten Einbruch eines der wichtigsten Indexes für die wirtschaftlichen Gesundheit in den USA einhergeht, der einen plötzlichen Rückgang der Geschäftsaktivitäten zeigt. Überall auf der Welt prüfen chinesische Firmen und diejenigen, die grundlegend von chinesischen Produktionsnetzwerken abhängig sind, jetzt ihre Klauseln über „höhere Gewalt“, die es ermöglichen, die Verantwortung beider Parteien in einem Geschäftsvertrag zu verzögern oder aufzuheben, wenn die Einhaltung des Vertrag „unmöglich“ wird. Auch wenn es im Moment unwahrscheinlich ist, hat die bloße Aussicht auf die Wiederherstellung der Produktion im ganzen Land zu einer Kaskade von Forderungen geführt. Die Wirtschaftstätigkeit hat sich jedoch nur in einem Patchwork-Muster belebt, wobei in einigen Bereichen bereits alles reibungslos funktioniert, während in anderen noch auf unbestimmte Zeit pausiert wird. Gegenwärtig ist der 1. März das vorläufige Datum, an dem die Zentralbehörden alle Gebiete außerhalb des Epizentrums des Ausbruchs zur Rückkehr zur Arbeit aufgefordert haben.

Andere Auswirkungen waren jedoch weniger sichtbar, obwohl sie wohl weitaus wichtiger sind. Viele Wanderarbeiter*innen, einschließlich derer, die zum Frühlingsfest in ihren Arbeitsstädten geblieben waren oder vor der Durchführung der verschiedener [Verkehrs-]Sperren zurückkehren konnten, stecken nun in einer gefährlichen Schwebe. In Shenzhen, wo die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung migrantisch sind, berichten Einheimische, dass die Zahl der Obdachlosen begonnen hat, sich zu vergrößern.
Aber die neuen Menschen, die auf der Straße auftauchen, sind nicht auf Dauer obdachlos, sondern haben den Anschein, als ob sie buchstäblich nur dort abgeladen würden, weil es sonst nirgendwo hingeht – noch immer in relativ schicker Kleidung, ohne zu wissen, wo man am besten im Freien schläft oder wo man sich Essen besorgen kann. In verschiedenen Gebäuden in der Stadt gab es eine Zunahme von Bagatelldiebstählen, vor allem von Lebensmitteln, die an die Türschwellen der Bewohner*innen geliefert wurden, die für die Quarantäne zu Hause bleiben. Überall verlieren die Arbeiterinnen und Arbeiter Löhne, da die Produktion ins Stocken gerät. Die besten Szenarien während der Arbeitsniederlegungen sind Schlafquarantänen wie die in der Fabrik in Shenzhen Foxconn, wo neue Rückkehrer für ein oder zwei Wochen in ihren Unterkünften bleiben, etwa ein Drittel ihres normalen Lohns erhalten und dann an die Produktionslinie zurückkehren dürfen. Ärmere Firmen haben keine solche Möglichkeit, und der Versuch der Regierung, kleineren Unternehmen neue billige Kreditlinien anzubieten, wird wahrscheinlich auf lange Sicht wenig bewirken. In einigen Fällen scheint es, als würde der Virus die bereits bestehenden Trends zur Verlagerung von Fabriken einfach beschleunigen, da Firmen wie Foxconn ihre Produktion in Vietnam, Indien und Mexiko ausweiten, um den Rückgang auszugleichen.


Der surreale Krieg
Die ungeschickte frühe Reaktion auf das Virus, die Abhängigkeit des Staates von besonders strafenden und repressiven Maßnahmen zur Kontrolle des Virus und die Unfähigkeit der Zentralregierung, die Produktion und die Quarantäne gleichzeitig und effektiv über die verschiedenen Orte hinweg zu koordinieren, deuten darauf hin, dass im Herzen des Staatsapparates nach wie vor eine tiefe Unfähigkeit besteht. Wenn, wie unser Freund Lao Xie argumentiert, der Schwerpunkt der Regierung Xi auf dem „Staatsaufbau“ lag, so scheint es, dass in dieser Hinsicht noch viel Arbeit zu tun bleibt. Wenn die Kampagne gegen COVID-19 auch als ein Probelauf gegen den Aufstand gelesen werden kann, so ist gleichzeitig bemerkenswert, dass die Zentralregierung nur im Epizentrum von Hubei für eine wirksame Koordinierung sorgen kann und dass ihre Reaktionen in anderen Provinzen – selbst an wohlhabenden und angesehenen Orten wie Hangzhou – weitgehend unkoordiniert und verzweifelt sind. Wir können dies auf zwei Arten verstehen: erstens als eine Lektion über die Schwäche, die den harten Reaktionen der Staatsmacht zugrunde liegt, und zweitens als eine Warnung vor der Bedrohung, die immer noch von unkoordinierten und irrationalen lokalen Reaktionen ausgeht, wenn der zentrale Staatsapparat überfordert ist.

Dies sind wichtige Lehren für eine Ära, in der sich die Zerstörung durch die unendliche Akkumulation sowohl nach oben in das globale Klimasystem als auch nach unten in die mikrobiologischen Substrate des Lebens auf der Erde ausgeweitet hat. Solche Krisen werden nur noch häufiger auftreten. Da die säkulare Krise des Kapitalismus einen scheinbar nicht-ökonomischen Charakter annimmt, werden neue Epidemien, Hungersnöte, Überschwemmungen und andere „natürliche“ Katastrophen als Rechtfertigung für die Ausweitung der staatlichen Kontrolle genutzt werden, und die Reaktion auf diese Krisen wird zunehmend als Gelegenheit dienen, neue und ungeprüfte Instrumente zur Aufstandsbekämpfung einzusetzen. Eine kohärente kommunistische Politik muss diese beiden Tatsachen zusammen erfassen. Auf theoretischer Ebene bedeutet dies, zu verstehen, dass die Kritik am Kapitalismus verarmt, wenn sie von der Kritik an den “harten Wissenschaften“ abgetrennt wird. Aber auf praktischer Ebene bedeutet es auch, dass das einzig mögliche politische Projekt heute ein Projekt ist, das sich in einem von einer weit verbreiteten ökologischen und mikrobiologischen Katastrophe definierten Terrain orientieren und in diesem fortwährenden Zustand der Krise und Atomisierung operieren kann.

In einem unter Quarantäne stehenden China beginnen wir, eine solche Landschaft zumindest in ihren Umrissen zu erblicken: leere Straßen im Spätwinter, die durch den leichten Hauch von unberührtem Schnee verstaubt sind, aus den Fenstern schauende, von Telefonen beleuchtete Gesichter, Barrikaden, die zufällig mit einigen wenigen Pflegekräften, Polizist*innen, Freiwilligen, oder einfach bezahlte Schauspieler besetzt sind, die den Auftrag haben, Fahnen zu hissen und dir zu sagen, dass du deine Maske aufsetzen und nach Hause zurückkehren sollst. Die Ansteckung ist sozial. Es sollte daher nicht wirklich überraschen, dass die einzige Möglichkeit, sie zu einem so späten Zeitpunkt zu bekämpfen, darin besteht, einen surrealen Krieg gegen die Gesellschaft selbst zu führen. Versammeln sie sich nicht, verursachen sie kein Chaos. Aber Chaos kann auch in der Isolation entstehen. Während die Öfen in allen Gießereien zu leise knisternder Glut und dann zu schneekalter Asche abkühlen, können die vielen kleinen Verzweiflungen nicht anders, als aus dieser Quarantäne zu entweichen und sich sanft in ein größeres Chaos zu verwandeln, das sich eines Tages, wie diese soziale Ansteckung, als schwierig einzudämmen erweisen könnte.

Weitere Artikel wie diesen finden Sie in der zweiten Ausgabe unserer Zeitschrift, die hier kostenlos online verfügbar ist, oder unterstützen Sie uns durch den Kauf einer hochwertigen Druckversion hier.


Anmerkungen
[i] Vieles von dem, was wir in diesem Abschnitt erläutern werden, ist einfach eine prägnantere Zusammenfassung von Wallace’s eigenen Argumenten, die sich an ein allgemeineres Publikum richtet und ohne die Notwendigkeit, anderen Biolog*innen durch die Darlegung einer rigorosen Argumentation und umfangreicher Beweise „den Fall“ darzulegen. Für diejenigen, die die grundlegenden Beweise in Frage stellen würden, verweisen wir durchweg auf die Arbeit von Wallace und seinen Kolleg*innen.
[ii] Robert G Wallace, Big Farms Make Big Flu: Dispatches on Infectious Disease, Agribusiness, and the Nature of Science, Monthly Review Press, 2016. p.52
[iii] Ibid, S.56
[iv] Ibid, S. 56-57
[v] Ibid, S.57
[vi] Das soll nicht heißen, dass Vergleiche der USA mit dem heutigen China nicht auch aufschlussreich sind. Da die USA über einen eigenen massiven agro-industriellen Sektor verfügen, tragen sie selbst in hohem Maße zur Produktion gefährlicher neuer Viren bei, ganz zu schweigen von antibiotisch-resistenten bakteriellen Infektionen.
[vii] Siehe: Brundage JF, Shanks GD, “What really happened during the 1918 influenza pandemic? The importance of bacterial secondary infections”. The Journal of Infectious Diseases. Volume 196, Number 11, December 2007. pp. 1717–1718, author reply 1718–1719; and: Morens DM, Fauci AS, “The 1918 influenza pandemic: Insights for the 21st century”. The Journal of Infectious Diseases. Volume 195, Number 7, April 2007. pp 1018–1028
[viii] Siehe “Picking Quarrels” in der zweiten Ausgabe unseres Journals: <http://chuangcn.org/journal/two/picking-quarrels/>
[ix] Auf ihre eigene Weise spiegeln diese beiden Wege der Pandemieproduktion das wider, was Marx als „echte“ und „formale“ Subsumtion in der eigentlichen Produktionssphäre bezeichnet. In der realen Subsumtion wird der eigentliche Produktionsprozess durch die Einführung neuer Technologien verändert, die in der Lage sind, Tempo und Umfang des Outputs zu intensivieren – ähnlich wie das industrielle Umfeld die Grundbedingungen der viralen Evolution so verändert hat, dass neue Mutationen in einem größeren Tempo und mit größerer Virilität produziert werden. In der formalen Subsumtion, die der realen Subsumtion vorausgeht, sind diese neuen Technologien noch nicht implementiert. Stattdessen werden die zuvor existierenden Produktionsformen einfach an neuen Orten zusammengeführt, die eine gewisse Schnittstelle zum globalen Markt haben, wie im Fall der Handwebereiarbeiter*innen, die in eine Fabrik gebracht werden, die ihr Produkt mit Gewinn verkauft – und das ist vergleichbar mit der Art und Weise, wie Viren, die in „natürlichen“ Umgebungen produziert werden, aus der Wildpopulation herausgebracht und über den globalen Markt in die heimischen Populationen eingeführt werden.
[x] Es ist jedoch ein Fehler, diese Ökosysteme mit „vormenschlich“ gleichzusetzen. China ist ein perfektes Beispiel, da viele seiner scheinbar „urzeitlichen“ Naturlandschaften in Wirklichkeit das Produkt viel älterer menschlicher Expansionsphasen waren, die Arten, die früher auf dem ostasiatischen Festland üblich waren, wie z.B. Elefanten, ausgelöscht haben.
[xi] Technisch gesehen ist dies ein Sammelbegriff für etwa fünf verschiedene Viren, von denen das tödlichste einfach Ebola-Virus, früher Zaire-Virus, genannt wird.
[xii] Für den westafrikanischen Fall im Besonderen siehe: RG Wallace, R Kock, L Bergmann, M Gilbert, L Hogerwerf, C Pittiglio, Mattioli R and R Wallace, “Did Neoliberalizing West African Forests PRoduce a New Niche for Ebola,” International Journal of Health Services, Volume 46, Number 1, 2016; And for a broader overview of the connection between economic conditions and Ebola as such, see: Robert G Wallace and Rodrick Wallace (Eds), Neoliberal Ebola: Modelling Disease Emergence from Finance to Forest and Farm, Springer, 2016; And for the most direct statement of the case, albeit a less scholarly one, see Wallace’s article, linked above: “Neoliberal Ebola: the Agroeconomic Origins of the Ebola Outbreak,” Counterpunch, 29 July 2015.
[xiii] Siehe Megan Ybarra, Green Wars: Conservation and Decolonization in the Maya Forest, University of California Press, 2017.
[xiv] Es ist sicherlich falsch, zu unterstellen, dass die gesamte Wilderei von der lokalen armen Landbevölkerung betrieben wird oder dass alle Ranger-Truppen in den nationalen Wäldern der verschiedenen Länder auf die gleiche Weise wie ehemalige antikommunistische Paramilitärs operieren, aber die gewalttätigsten Konfrontationen und die aggressivsten Fälle von Waldmilitarisierung scheinen alle im Wesentlichen diesem Muster zu folgen. Für einen umfassenden Überblick über das Phänomen siehe die Sonderausgabe 2016 von Geoforum (69), die dem Thema gewidmet ist. Das Vorwort ist hier zu finden: Alice B. Kelly and Megan Ybarra, “Introduction to themed issue: ‘Green security in protected areas’”, Geoforum, Volume 69, 2016. pp.171-175. [Siehe auch https://taz.de/Militarisierter-Naturschutz-in-Afrika/!5667861&s=Wilderer/ Anm. d. Ü.]
[xv] Die bei weitem schwächste aller hier genannten Krankheiten, die große Anzahl von Toten ist weitgehend das Ergebnis ihrer raschen Ausbreitung auf eine große Zahl menschlicher Wirte, was trotz einer sehr niedrigen Sterblichkeitsrate zu einer hohen absoluten Zahl von Todesfällen geführt hat.
[xvi] In einem Podcast-Interview sagt Au Loong Yu unter Berufung auf Freund*innen auf dem Festland, dass die Regierung von Wuhan durch die Epidemie praktisch gelähmt ist. Au deutet an, dass die Krise nicht nur das gesellschaftliche Gefüge, sondern auch die bürokratische Maschinerie der KPCh zerreißt, was sich nur noch verstärken wird, wenn sich das Virus ausbreitet und zu einer sich verschärfenden Krise für andere lokale Regierungen im ganzen Land wird. Das Interview ist von The Dig, published 7 February: https://www.thedigradio.com/podcast/hong-kong-with-au-loong-yu/
[xvii] Das Video selbst ist authentisch, aber es ist erwähnenswert, dass Hongkong eine besondere Brutstätte rassistischer Haltungen und Verschwörungstheorien gegenüber dem Festland und der KPC ist, so dass vieles von dem, was von Hongkong in den sozialen Medien über den Virus verbreitet wird, sorgfältig auf seine Richtigkeit überprüft werden sollte.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.